"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Einfache Rechnung" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 23. April 2004

Innsbruck (OTS) - Bilder der sterbenden Prinzessin Diana wurden veröffentlicht. Das musste irgendwann so kommen. Die Frage war nicht, ob die Fotos dem Publikum zugänglich gemacht werden, sondern bloß wann. Und vielleicht noch, wer es tut. Wer die Rechnung anstellt, dass der Werbeeffekt einer vielhundertfachen Erwähnung seines Mediums bei weitem den Imageschaden aufwiegt, den die zwangsläufig hochkochende Empörung bewirkt.
Im Fall Diana hat es - man ist versucht zu sagen: erstaunlicherweise - fast sieben Jahre gedauert, bis der US-Fernsehsender CBS die Fotos veröffentlicht hat, die Paparazzi am 31. August 1997 im Pariser Seine-Tunnel geschossen haben. Doch die zeitliche Verzögerung ändert nichts an der Problematik.
Der kalkulierte Tabubruch ist längst Teil des Systems, in dem sich Medienkonsumenten und Medienproduzenten symbiotisch bewegen. Die unausgesprochenen oder sogar festgeschriebenen Übereinkünfte zwischen den Medienmachern (eines Landes) werden gebrochen, Schamgrenzen sukzessive verschoben. Wer sich jeweils als Erster vorwagt, dem sind Schimpf und Schande gewiss, möglicherweise auch gerichtliche Verurteilungen. Aber das gibt sich. Was bleibt, ist die Messung von Einschaltquoten oder Auflagenzahlen.
Es gibt Umstände, unter denen es nicht nur vertretbar, sondern sogar eine Verpflichtung für Journalisten sein kann, Bilder eines sterbenden Menschen zu zeigen. Die Steigerung von Zuschauer- oder Leserzahlen gehört nicht dazu. Die nackte Sensationsgier des Publikums auch nicht. Die Diana-Bilder tun nichts zur Sache, sie erzählen die traurige Geschichte der Prinzessin nicht anders, nicht neu, dienen nicht der Findung einer bisher unbekannten Wahrheit. Deshalb ist ihre Veröffentlichung inakzeptabel. Und deshalb stehen beide Seiten in der Verantwortung: Medienmacher, die sich im Wettbewerb ethische Grundsätze nicht mehr leisten wollen, und Konsumenten, die eben das durch ihr Verhalten rechtfertigen.

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