"Die Presse" Kommentar: "Die Ohlsdorfer Bauchbulle, ein Manifest der Verzweiflung" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 23.4.2004

Wien (OTS) - Dass der Anti-bauchfrei-Erlass für Schüler ausgerechnet in der Thomas Bernhard-Gemeinde Ohlsdorf verfasst wurde, ist so etwas wie ein Feuilleton-Elfmeter: Man muss sich einfach ausmalen, was der begnadete Schimpfer aus dieser bigotten Posse gemacht hätte.
Die Situation hat durchaus realsatirische Züge: Ein Schuldirektor steht, schlecht gekleidet, aber gut genährt, vor seiner Schule und erklärt den Fernsehreportern, warum er den Schülerinnen und Schülern eine strengere Kleiderordnung auferlegen will. Die Buben, sagt er, wüssten schon gar nicht mehr, wo sie hinschauen sollen, wenn die Mädchen, vor allem die "gut entwickelten", leicht bekleidet an den Pulten sitzen, oder, Gott möge abhüten, sich sogar darüber beugen. Ja, ja, die Buben, sagt er damit, ohne es zu sagen, die tun sich eben doch schwer mit der erwachenden Sexualität (während die Lehrer, wie man weiß, durchwegs moralisch gefestigte Persönlichkeiten sind). Und die Mädchen, sagt er, ohne es zu sagen, sind hinterlistige Verführerinnen, die man rechtzeitig in die Schranken weisen muss. Ein interessantes Menschen- und Erziehungsverständnis, das einem da entgegenkommt. Ein Lehrerkollegium reagiert, und zwar einstimmig und mit Unterstützung des Landesschulrates, mit einer lokalen Verhüllungsverordnung auf Schülergewohnheiten, die das Ergebnis einer durchgehenden Sexualisierung unserer Gesellschaft sind, die weder Milieu- noch Alters- noch Landesgrenzen kennt.
Wenn schon, dann sollte man es gleich mit Schuluniformen probieren. Das würde einerseits das Sex-Problem lösen, das für den Ohlsdorfer Direktor offenbar im Vordergrund steht. Und es wäre zugleich eine Reaktion auf das soziale Problem, das sich hinter der Bauchfrei-Kultur verbirgt: Die Zur-Schau-Stellung der körperlichen Vorzüge ist, ähnlich wie der Marken-Wahn der neunziger Jahre, zum Mittel der sozialen Differenzierung und Diskriminierung geworden. Die pädagogische Alternative, die den alten Grundsatz beherzt, wonach wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen sollen, bestünde wohl darin, den Buben klarzumachen, dass einem beim Anblick von nackter Mädchenhaut nicht notwendigerweise das Hirn in die Hose rutschen muss.
Die Schuluniform hingegen wäre, genau so wie die nun erlassene Kleiderordnung, eine Scheinlösung: Wenn die solcherart gleich- und ruhig gestellten Schülerinnen und Schüler außerhalb des Schulgebäudes, wo der sexy look dann umso lustvoller zur Schau gestellt wird, mit ihrem unausgeglichenen Hormonhaushalt nicht zurecht kommen, fällt das am Ende erst recht wieder auf die Lehrer zurück.
Man muss den Erlass des Ohlsdorfer Direktors wohl am ehesten als Manifest der Verzweiflung lesen, als eines von vielen Beispielen, an denen deutlich wird, dass viele Pädagogen mit den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht mehr zurecht kommen. Kein Wunder: Sie sind mit Kindern konfrontiert, die nie eine Kindheit hatten, weil sie vom Volksschulalter an wie junge Erwachsene funktionieren mussten, damit das Erwerbsleben der Erzeuger nicht gestört wird. Die Überforderung der Lehrer muss einen nicht wundern. Sie rührt daher, dass ihnen heute Aufgaben zugemutet werden, die über weite Strecken schlichtweg unerfüllbar sind: Sie sollen neben der Wissensvermittlung auch einen Gutteil der gesellschaftlichen und familiären Brüche kitten, die heute zum Regelfall geworden sind.
Zwölfjährige unterscheiden sich in ihrem Tagesablauf, in ihrem Medienkonsum und in ihrer Lebenserfahrung sehr oft kaum mehr von Achtzehnjährigen. Also kleiden, benehmen und fühlen sie sich auch wie Achtzehnjährige. Ein erster Schritt, damit zurecht zu kommen, wäre, die neuen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Auch in Ohlsdorf.

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