"Die Presse" - Kommentar: "Kofi Annan - eine traurige Gestalt" von Anneliese Rohrer

Ausgabe vom 22.4.2004

Wien (OTS) - Irakische Kinder, saudische Sicherheitskräfte, britische Soldaten, eine dänische Geisel, Moslems, Christen: Alles Bombenopfer eines einzigen Tages gestern, Mittwoch. Der Wahnsinn des wahllosen Tötens hat Methode. Wer kein Muster im internationalen Terror erkennen kann, der kann sich nicht schützen.
Das erzeugt Panik, wie das Beispiel des Rückzugs Spaniens aus der Koalition der Willigen deutlich zeigte. Aber nicht nur. Die Entscheidung Madrids macht auch das Versagen der UNO deutlich, schließlich begründete der neue Ministerpräsident Zapatero den überstürzten Abzug damit, dass es keine Anzeichen für eine neue UN-Resolution zum Irak gebe. Ursprünglich war sogar Zapatero bereit, die Truppen mit einem UN-Mandat im Irak zu belassen. Nur am East River in New York gibt es keine Bewegung, kein Drängen, keine Initiative.
Mit jeder Panikattacke im UN-Hauptquartier, mit jedem Tag des Zauderns aber wächst die Zuversicht der Terroristen, mit Mord und Totschlag doch ihr Ziel zu erreichen. Viele Staaten würden sich stärker im Irak engagieren, könnten sie innenpolitisch ein UN-Mandat vorweisen.
Es ist tragisch: Kofi Annan wäre nicht der erste Friedensnobelpreisträger, der im Endeffekt der Ehrung nicht gerecht wird. Weil aber von ihm in dieser bedrohlichen Weltsituation so gar nichts Kraftvolles kommt, wird der Mann mit der leisen Stimme bald zum Ritter von der traurigen Gestalt.

anneliese.rohrer@diepresse.com

Ein einziger Tag bewies: Je schwächer die UNO, desto unverfrorener diverse Terror-Gruppen.

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