"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Kroaten müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln" (von Alexander Orssich)

Ausgabe vom 21.04.2004

Graz (OTS) - Mit einem positiven Avis hat die EU-Kommission den Kroaten den baldigen Beginn von Beitrittsverhandlungen in Aussicht gestellt. Zuvor hatte der britische Europaminister Dennis MacShane in Zagreb der Regierung eine "gute Zusammenarbeit" mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal bescheinigt. Damit hat London seine bisherige Unnachgiebigkeit gegenüber Zagreb aufgegeben.

Die Hürde auf dem Weg in die EU war stets der untergetauchte, vom Haager Tribunal gesuchte General Ante Gotovina gewesen. "Wir begrüßen die verbesserte Zusammenarbeit im Fall Gotovina", sagte MacShane in Zagreb und die anwesenden Regierungsbeamten atmeten auf. Kroatien ist nach Slowenien, das am 1. Mai der EU beitritt, der am weitesten fortgeschrittene Nachfolgestaat des ehemaligen Jugoslawien auf dem Weg nach Europa. Das Land ist stabil, vor allem der expandierende Fremdenverkehr weist seit einigen Jahren eine äußerst positive Tendenz auf. Für Österreich ist die Empfehlung der EU-Kommission ebenfalls eine erfreuliche Tatsache. Nicht nur, weil die Österreicher gern an die Adria fahren. Österreich ist in Kroatien der mit Abstand größte ausländische Investor.

Für die Kroaten heißt es jetzt die Ärmel hochkrempeln, um in den kommenden Jahren vor allem drei Grundbedingungen zu erfüllen:
Erstens, die Wirtschaft muss innerhalb der EU konkurrenzfähig werden. Derzeit kann Kroatien mit der eigenen Produkion nicht einmal den Milchbedarf des Landes decken. Die zweite Grundbedingung ist die Anpassung der trägen und ineffizienten, noch aus dem Kommunismus stammenden Verwaltung an europäische Standards. Ein Beispiel:
Mehrere Millionen ungelöster Gerichtsfälle erdrücken den Alltag der Kroaten. Ein weiteres Problem ist die schleppende Privatisierung. Der vierte Faktor ist der wichtigste. Es geht um die Beibehaltung der politischen Stabilität. Kroatien wird heute von der national-konservativen Partei "HDZ" regiert. Deren Vorsitzender Ivo Sanader hat einen mutigen Schritt getan und die ehemalige Tudjman-Partei reformiert.

Sanader konnte aus der "HDZ" eine konservative Partei europäischen Zuschnitts schmieden und die Wahlen im November 2003 gewinnen. Andererseits aber meinen viele Insider, die Parteibasis
insbesondere in der Provinz sei noch keineswegs "proeuropäisch". Ganz wichtig wird in diesem Zusammenhang der Parteikongress der "HDZ" am 24. April in Rijeka sein. Dort muss Sanader noch einige Hardliner von seiner Linie überzeugen. ****

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