DER STANDARD-Kommentar "Ein offenes Rennen" von Gerfried Sperl

Salzburg gegen Josefstadt oder die Präsentation zweier Stile statt zweier Konzepte - Ausgabe vom 17./18.4.2004

Wien (OTS) - Wollte man das TV-Duell der
Präsidentschaftskandidaten sportlich beurteilen, käme wohl ein Unentschieden heraus. Sie souveräner, er sachlich kompetenter. Sie im Schwang des Eigenlobs manchmal am Rande der Penetranz, er mit den Ratschlägen Josef Broukals im Hinterkopf von der Frage geplagt: Mach ich’s wohl richtig?

Benita Ferrero-Waldner präsentierte sich als der modernere, man könnte auch sagen: modischere Typ. Und wenn es stimmt, dass die meisten Zuseher auf das Wie reagieren statt auf das Was, auf Präsentation statt auf Inhalte, dann war sie die Bessere. Nichts versetzt sie in Aufregung, "cool" lächelt sie alles weg. Heinz Fischer ließ sich aus der Ruhe bringen und vergaß manchmal für Sekunden das eintrainierte Drehbuch.

Wer dazu noch auf verschiedene Konzepte des Präsidentenamtes hoffte, wurde enttäuscht. Insgesamt dieselben Positionen, selbst bei der Neutralität. Weshalb man die Details beachten sollte. Ferrero-Waldner hat in der Neutralitätsfrage so oft die Seiten gewechselt, dass ihre Fixierung auf die "Kern-Neutralität" im (im schwachen) Programm "Neue Hofburg" nicht ernst zu nehmen ist. Umgekehrt zeigte Fischers Erregung in der kurzen Debatte über markierte Wahlzettel, dass der SPÖ-Kandidat demokratiepolitisch sattelfester, also besser ist.

Salzburg gegen Josefstadt, zwei städtische Ausprägungen: Das ist wohl das eigentliche Match.

Ferrero-Waldner dürfte, so sie gewählt wird, erst in der Hofburg ihr wirkliches Amtsverständnis entwickeln. Skizziert hat sie es schon. Sie würde sich weniger als eine Hüterin der Verfassung und der politischen Kultur verstehen. Vielmehr würde sie sich als oberste Handelsdelegierte der Republik gerieren. Siebzig Prozent ihrer Zeit will sie im Ausland sein, an der Spitze von Wirtschaftsdelegationen. Das wäre eine "Ökonomisierung" des Amtes. Ganz im Sinne der Politik Wolfgang Schüssels, die alles und jedes wirtschaftlichem Denken unterwerfen möchte. Die Kultur gerät dabei wieder in die Rolle der Dekoration und des schönen Scheins.

Heinz Fischer ist der aufgeklärte Josephinist, der lieber bei seinen "Büchern und Schallplatten" sitzt als am Computer. Der noch was von "Sommerfrische" hält und nicht an Spaniens Strände eilt. Der lieber unerkannt durch fremde Länder reist und stille Diplomatie betreibt. Der die Akten ernst nimmt, weil er hinter seinen Unterschriften zu Recht auch soziale und moralische Fragen vermutet. Hätte Alois Mock jemals für die Hofburg kandidieren können, er wäre das schwarze Gegenstück zu Fischer gewesen.

Früher einmal hat die Frage der Machtbalance für die Hofburg-Wahl eine große Rolle gespielt. Schwarzer Kanzler, roter Präsident. Heinz Fischer, auch da ein Traditionalist, wollte das beim TV-Duell zum Thema machen, Ferrero drehte es ihm ab. Mit gutem Grund. Die Bedeutung der Persönlichkeit selbst ist zu stark gewachsen, speziell in diesem Wahlkampf die Frage, ob es nicht einmal eine Frau sein sollte.

Da die Emanzipation nicht nur für Feministinnen gilt, hat eine Bürgerliche mit konventionellem Image große Chancen. Vielleicht hätte es die SPÖ (in einer Vorwegnahme von Rot-Grün) früher einmal mit Freda Meissner-Blau versuchen sollen. Weil Charisma und Parteimacht möglicherweise für einen Sieg gereicht hätten.

1,5 Millionen haben die TV- Debatte gesehen und dabei auch einen originellen Moderator erlebt, der oft den Eindruck erweckte, als wollte er selbst kandidieren.

Wie viele der Unentschlossenen zugeschaut haben, weiß natürlich niemand. Da die Umfragen angesichts der geringen Abstände und der Schwankungsbreite keine präzisen Prognosen zulassen, bleibt das Rennen offen. Und die Frage am Tapet, ob Ferrero-Waldners offensive Art die Zurückhaltung Fischers in einen wahlentscheidenden Vorteil verwandeln kann. Die wirklichen Motive der Wähler bleiben bis zum Schluss verborgen. Wenigstens die kann man nicht vorher schon markieren.

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