"Die Presse" Leitartikel: "Ein Oberhaupt wird gesucht: Die wirklichen Unterschiede" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 17.4.2004

Wien (OTS) - Ein Oberhaupt wird gesucht:
Die wirklichen Unterschiede

Gratulation, wer aus der Fernsehdebatte der Präsidentschaftskandidaten tiefe Erkenntnisse gewonnen hat. Sie war langatmige Bestätigung der bisherigen Erwartung: Österreich dürfte jedenfalls einen honorigen Bundespräsidenten ohne Wiederholung bekannter Peinlichkeiten bekommen - aber keine überragende Persönlichkeit.
Gewiss, es wäre reizvoll und irgendwie an der Zeit, sollte erstmals eine Frau das Amt besetzen. Benita Ferrero-Waldner hat dieses Argument bei der TV-Debatte auch geschickt emotional gespielt (wozu ihr gar nicht ihr Konkurrent, sondern der Moderator Anlass gegeben hat). Es hat aber Heinz Fischer Recht: Letztlich darf das Geschlecht keine Rolle spielen - wie hoffentlich auch bei allen anderen Besetzungen in diesem Land unabhängig vom jeweiligen parteipolitischen Vorzeichen. Der Beste soll gewinnen. Welches Geschlecht immer er hat.
Gewiss, Heinz Fischer ist der intelligentere, erfahrenere und in Fakten versiertere Kandidat. Benita Ferrero-Waldner strahlt nicht gerade Ruhe, Coolness und Sicherheit aus, vieles wirkt bei ihr angelesen, nicht wirklich geistig verdaut - weshalb sie auch bis auf das eine TV-Duell alle derartigen Begegnungen gemieden hat. Sie ist dafür erkennbar engagierter als der nicht gerade in den Wahlkampf verliebte Oberlehrer Fischer.
Gewiss, Benita Ferrero-Waldner hat in Sachen der seltsamen VolxtheaterKarawane gepatzt. Heinz Fischer hat freilich - bei allem Hang zur Übervorsicht - genug andere arge Kerben in seinem Lebenslauf: seine tiefen Attacken auf Simon Wiesenthal etwa oder seine degoutante Rolle als langjähriger Vizepräsident der nordkoreanischen Freundschaftsgesellschaft, die Lobby-Arbeit für die weitaus schlimmste Diktatur auf diesem Erdball gemacht hat.
Gewiss, im Fernsehduell hat Fischers Phrasendrescherei geschmerzt:
"Frieden ist mir etwas ganz, ganz Wichtiges." Das tat aber mindestens im gleichen Umfang Ferreros wirrer und überflüssiger Rückblick auf anno 1992 im Parlament markierte Stimmzettel.
Letztlich sind nur wenige Unterschiede zwischen den Kandidaten gravierend. Auf jeder Waagschale bleibt ein großer Brocken liegen:
Für Fischer spricht das Gleichgewichtsargument: Es gibt immer ein paar Österreicher, die dem Bundespräsidenten eine andere Farbe geben wollen, als sie der jeweilige Kanzler hat. Und vice versa. Deshalb erwägen auch einige überschlaue VP-Sympathisanten eine Stimme für Fischer, damit Schüssel bei der Nationalratswahl eine bessere Chance hat.
Gegen Fischer spricht sein Alter. Er hat das Alter einer etwaigen Frühpension schon hinter sich. Er zählt zehn Jahre mehr als Ferrero und sechs mehr als Klestil vor zwölf Jahren beim ersten Antreten. Alt ist Fischer aber auch in seinen Anschauungen - und zwar in den beiden wichtigsten Zukunftsfragen: erstens durch seine billige Polemik gegen die nach Ansicht aller Experten seit Jahren überfällige, unausweichliche und wahrscheinlich noch zu milde Pensionsreform; und zweitens durch ein Neutralitätsverständnis, das den Geist der 70er Jahre atmet. Er scheint das Ende des Ost-West-Konflikts, die Einigung Europas, die Ausweitung der Nato, die Notwendigkeit der Interventionen auf dem Balkan und insbesondere die fundamentale Herausforderung durch den Terrorismus komplett verschlafen zu haben. Freilich: Fischers Neutralitäts-Dogmatismus würde klarer für Ferrero sprechen, spräche sie selbst so klar wie noch vor drei Monaten. Jetzt mäandriert sie populistisch herum, und man kann nur vermuten und hoffen, dass sie nach der Wahl wieder mutiger wird.

Gewiss, ein Bundespräsident hat in diesen Fragen keine wirkliche Kompetenz. Aber er kann sehr wohl die Stimmung durch seine Worte gravierend beeinflussen. Daher würde Österreich in Wahrheit jemanden benötigen wie den künftigen deutschen Präsidenten, der schon jetzt seinen Landsleuten die wahre Lage in aller Deutlichkeit vermittelt.

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