"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Unsere kleine Welt" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 17.04.2004

Wien (OTS) - Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält: So hat Friedrich Hebbel anno 1862 unser Land charakterisiert. Heute müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass dieses schöne Bild überholt ist. Wir leben in einem kleinen Land, aber das Weltgeschehen rauscht an uns vorüber.
Die TV-Diskussion der beiden Präsidentschaftskandidaten hat es eindrucksvoll bewiesen. In zwei Wochen wird die EU-Erweiterung Europa um zehn Staaten größer und hoffentlich auch reicher machen - nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem politisch, kulturell und gesellschaftlich. Kein Wort davon in der Debatte, obwohl da die amtierende Außenministerin und der langjährige Nationalratspräsident an einem Tisch gesessen sind.
Vor 15 Jahren war Österreich der östlichste Teil der so genannten freien Welt; wir waren im Norden wie im Osten von kommunistischen Staaten umgeben und durch den "Eisernen Vorhang" isoliert. Heute sind unsere Nachbarn mit Ausnahme von Schweiz und Liechtenstein ausschließlich Nato-Länder. Fischer und Ferrero verloren kein Wort darüber und auch keines über die Herausforderungen, die sich daraus für die Politik ergeben.
Man kann es zufrieden zur Kenntnis nehmen. Es ist friedlich geworden an unseren Grenzen, und der Wegfall aller militärischen Bedrohungen ist zur Selbstverständlichkeit geworden, über die es keine Worte zu verlieren gibt.
Man kann aber auch nachdenklich werden: Wo sind die Zeiten, als ein Kardinal Franz König als Brückenbauer zwischen Ost- und Westkirche weltweit geachtet war? Wer könnte als legitimer Nachfolger von Bruno Kreisky gelten, der zwar polarisiert, aber gleichzeitig den dringend notwendigen frischen Wind in die Innen- und Außenpolitik gebracht hat?
Wo sind die Visionen eines Erhard Busek, der eine maßgebliche Rolle bei der geistigen Überwindung des Kommunismus im Donauraum gespielt hat? Und wo findet sich heute jemand wie Alois Mock, der Österreich gegen viele Widerstände mit Nachdruck in die EU getrieben hat? Heute lassen wir die EU-Erweiterung fast ohne Gestaltungswillen heranplätschern. Nur die Wirtschaft hat die Herausforderung angenommen: Banken, Versicherungen und Handelsketten sind in den Beitrittsländern längst präsent, beherrschen teilweise die Märkte und erzielen hohe Gewinne.
Auf dem politischen Parkett hat Österreich das einstige Renommee verspielt. Nichts gegen die Beschäftigung mit wichtigen innenpolitischen Fragen wie Pensions- und Steuerreform, nichts gegen die Debatte über ÖBB-Sanierung, Transitprobleme, Krankenkassenverträge, Abfangjäger oder Neutralität.
Mit Nabelbeschau allein werden wir unsere Probleme aber nicht lösen. Es mag zwar manchmal von Vorteil sein, nicht im Blickpunkt des internationalen Interesses zu stehen. Aber es kann auch zum Nachteil werden, wenn unsere Stimme nicht gehört wird, weil die Welt zu dem Schluss kommt, dass wir nichts zu sagen haben und daher auch nicht mitreden brauchen.
Demnächst wächst die EU um zehn neue Mitglieder zu einer Gemeinschaft von 25 Ländern mit 450 Millionen Menschen. Das müsste Anlass zum Innehalten und Nachdenken sein. Österreich hätte die Kapazität, wieder viel mehr zu werden als ein im besten Fall milde belächeltes, im schlechtesten unbeachtetes Kuriositätenkabinett in diesem neuen Europa.
Wenn wir nur soweit denken, wie der Blick vom Kirchturm reicht, gleiten wir - staatspolitisch gesehen - in die Bedeutungslosigkeit ab. Dann werden die geistigen Grenzen bald jenem Eisernen Vorhang gleichen, der Österreich noch vor anderthalb Jahrzehnten von halb Europa isoliert hat und den wir jetzt mit der EU-Erweiterung am 1. Mai endgültig überwunden haben sollten.

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