Ärztekammer: State of the Art entspringt keinem Luxusgedanken

Ballungsraum Wien mit besonderen sozio-ökonomischen Strukturen - 35 Prozent mehr Herz-Kreislauf-Tote

Wien (OTS) - Ärztekammerpräsident Walter Dorner nahm die heute im "Standard" zitierten Ausführungen vom Vorsitzenden des obersten Sanitätsrates, Ernst Wolner, zum Anlass, neuerlich auf die besonderen Gegebenheiten einer Großstadt und die damit zusammenhängenden gesundheitspolitischen und medizinischen Erfordernisse hinzuweisen. "Abseits aller Polemiken muss allen Verantwortlichen klar sein, dass ein Ballungsraum wie Wien aufgrund der sozio-ökonomischen Faktoren mehr ärztliche und therapeutische Interventionen notwendig macht und dafür auch die entsprechenden finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen." ****

Der Ärztechef greift das Beispiel Wolners auf, der heute auf den Mangel an Dialyseplätzen im Osten Österreichs hingewiesen hat. Wolners Erklärung: Die Menschen im Osten Österreichs hätten eine schlechtere Lebensführung und seien kränker. Daher gebe es im Osten Österreichs auch mehr dialysepflichtige Patienten.

Laut Dorner ist die Niereninsuffizienz nur ein Beispiel unter vielen. Die Auswertung von Gesundenuntersuchungen in Wien hätte ergeben, dass beinahe zwei Drittel der Wiener Übergewicht hätten, eine ähnlich hohe Zahl unter zu hohem Cholesterin leide, jeweils 14 Prozent der Wiener Bevölkerung eine pathologische Lungenfunktion beziehungsweise einen Leberzellschaden aufwiesen und zudem jeder achte Wiener unter zu hohem Blutdruck leide. Bei 48,5 Prozent der Untersuchten musste eine weiterführende Untersuchungsempfehlung abgegeben werden. "Diese Daten liegen weit über ähnlichen Berechnungen aus den Bundesländern."

Besonders drastisch zeige sich das Stadt-Land-Gefälle bei der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit. "Wien hat eine um 35 Prozent höhere Herz-Kreislauf-Sterblichkeit als der Bundesdurchschnitt." Die Gründe dafür sind laut Dorner die schlechteren gesundheitsbezogenen Verhaltensweisen wie erhöhter Alkoholkonsum und Rauchen ("60 Prozent der 40-jährigen Arbeitsnehmer in Wien sind nikotinanhängig") sowie zu wenig Bewegung. Dies wiederum sei bedingt durch einen erhöhten Anteil von sozial schwachen, einsamen und schlechter gebildeten Personen in der Bundeshauptstadt. Die Datenlage sei so spezifisch, dass hier sogar bezirksweise dramatische Unterschiede vorlägen. Dorner: "Wir wissen, dass die Bezirke 10. bis 12., 15. und 20. besonders schlecht abschneiden."

Der Ärztechef verwies weiters auf die hohe Anzahl von Migranten in Wien, die ebenfalls Auslöser für zusätzliche diagnostische und therapeutische Interventionen seien. Die so genannte Framingham-Studie habe gezeigt, dass "non-nationals" ein höheres Risikoprofil bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einen höheren Blutdruck, höhere Triglyceride (Blutfette) sowie eine größere Anzahl lebensstil-assoziierter Tumoren aufwiesen.

Kassenvertrag raschest ratifizieren

Dorner: "Die Fakten liegen auf dem Tisch. Die höhere Anzahl medizinischer Interventionen und die damit verbundenen finanziellen Mehrkosten entspringen nicht einem Luxusgedanken der Ärzteschaft oder der Gebietskrankenkasse, sondern sind trauriges Erfordernis." Jeder, der diese Datenlage negiere, riskiere die Gesundheit und in weiterer Folge auch das Leben vieler Wienerinnen und Wiener.

Speziell unter diesem Aspekt sei es dringendst vonnöten, möglichst rasch in Wien den zwischen Kammer und Kasse ausverhandelten Vertrag zu ratifizieren und gleichzeitig Überlegungen anzustellen, wie auch in den nächsten Jahren die medizinische Versorgung der Wiener Bevölkerung nach State of the Art gesichert werden könne.

Dorner: "Eine Nicht-Aufstockung der finanziellen Mittel für Gesundheit bedeutet in Wien, eher kurz- als mittelfristig, eine massive Einschränkung der medizinischen Versorgung und damit Rationierungen auf Kosten der Patienten." (hpp)

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