"Kleine Zeitung" Kommentar: "Bush, Irak und die Frage, wer länger aushalten kann und will" (von Edith Grünwald)

Ausgabe vom 13.04.2004

Graz (OTS) - Wären jetzt in den USA Präsidentenwahlen, würden 50 Prozent der Bürger für John F. Kerry stimmen, nur 43 Prozent wären für eine Wiederwahl von George W. Bush. Der neue Trend gegen Bush hat zwei Ursachen: Ein Jahr nach dem Sturz von Saddam Hussein steht der Irak an der Kippe zu einem neuen Vietnam. Und immer mehr Amerikaner glauben, die Anschläge vom 11. September 2001 hätten durch eine aktivere Antiterrorpolitik des Weißen Hauses verhindert werden können.

Der blutige Aufstand im Irak hat viele Amerikaner entsetzt. Nach den Schreckenszenen von Falluja, wo vier Amerikaner gelyncht wurden, gingen die US-Truppen mit Härte gegen irakische Rebellen vor. In einer Woche starben 50 US-Soldaten und 900 Iraker, die Geiselnahmen vertreiben Hilfsorganisationen und Geschäftsleute. Die Machtübergabe an eine irakische Regierung am 30. Juni scheint in immer weitere Ferne zu rücken.

In Washington steht Bush durch die 9/11-Kommission gehörig unter Druck. Die Abrechnung seines einstigen Antiterrorberaters Richard Clarke schlägt hohe Wellen. Das Weiße Haus musste eingestehen, dass der Präsident im August 2001, einen Monat vor den Anschlägen, vom FBI über die Gefahr informiert wurde. Der Präsident urlaubte damals unbeirrt in Texas weiter - schwach seine jetzige Verteidigung, die Warnungen waren unkonkret. Sechs von zehn Amerikanern werfen der Regierung bereits vor, sie hätte mehr gegen den Terror unternehmen sollen.

Und Bush sieht sich einer Opposition gegenüber, die in verteilten Rollen aus allen Rohren schießt: Herausforderer Kerry gibt sich staatstragend, seine unterlegenen Mitbewerber Howard Dean und John Edwards attackieren kräftig, umrahmt von TV-Spots: Bush hat euch irregeführt, der Irak-Krieg hat die USA nicht sicherer gemacht, tönt es.

Für einen Ausweg aus dem Dilemma müsste Bush über seinen eigenen Schatten springen: Eine Entschuldigung gegenüber den Angehörigen der Terroropfer würde Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Ein Hilfsappell an die UNO könnte durch Internationalisierung das amerikanische Gesicht von der Besatzung im Irak nehmen und vielleicht zu einer Befriedung führen. Doch bisher gibt es keine Anzeichen einer Kursänderung: Trotz einer "harten Woche" werde er weiter "das Richtige tun", so Bush am Ostersonntag. Fragt sich nur, wie lange die Iraker es noch aushalten können - und ob die Amerikaner es noch vier weitere Jahre aushalten wollen. ****

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