"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Besatzer verspielen im Irak alle Erfolge als Befreier" (von Michael Wrase)

Ausgabe vom 08.04.2004

Graz (OTS) - Moscheen stehen, wie Gotteshäuser anderer
Religionen, laut Völkerrecht unter besonderem Schutz. Sie dürfen nicht angegriffen werden. Allerdings heisst es in den Genfer Konventionen auch, dass Gotteshäuser nicht in Militärstellungen verwandelt werden dürfen. In Falluja sei dies geschehen. Das behaupten zumindest die Amerikaner. Deshalb wurde die Moschee aus der Luft bombardiert.

Ob diese Darstellung wahr ist, sei dahingestellt. Im Irak und der Arabischen Welt wird man den Amerikanern ohnehin nicht glauben. Für die Menschen im Zweistromland haben Ungläubige ein Verbrechen begangen, für das sie teuer bezahlen müssen.

Hätten die US-Kommandanten in Bagdad dies nicht wissen müssen? Fast genau ein Jahr nach dem Sturz von Saddam Hussein machen sie einen Fehler nach dem anderen und bringen sich damit um die Früchte ihres unbestrittenen Erfolges, die Befreiung des Irak vom Tyrannen. Anstatt sich mit Besonnenheit um politischen Lösungen zu bemühen, versucht die US-Armee im Irak plötzlich wieder Fakten zu schaffen.

Man hat einen neuen Feind entdeckt, die "Armee des Mahdis", welche man zerstören will. Der amerikanische Brigadegeneral Mark Kimmitt sprach allen Ernstes von "der Mahdi-Armee". Er verglich, zur großen Freude von Jungmullah Moktada Sadr, eine vielleicht 5000 Mann starke Miliz, die neben Kalaschnikow-Gewehren auch mit einigen Panzerfäusten bewaffnet ist, mit einer richtigen Armee - und muss die Folgen dieses fatalen Vergleiches ausbaden.

Nicht nur die irakischen Schiiten, sondern auch Sunniten wollen jetzt unter dem Banner der "Mahdi-Armee" gegen die Amerikaner kämpfen. Und der nicht gerade charismatische Moktada Sadr wird so zu einem "Held des Widerstandes", der er gar nicht ist. Er wird von den USA dazu hochstilisiert. Jede Bombe, die jetzt auf eine Moschee oder ein Krankenhaus im Irak fällt, wird die sogenannte "Armee des Mahdi", die Streitmacht des schiitischen Erlösers, weiter stärken.

Die sogenannte Koalition der Willigen im Irak fällt unterdessen langsam auseinander. 1800 Soldaten aus der Ukraine gaben gestern die strategische wichtige Stadt al Kut an der Grenze zum Iran auf. Entweder flohen sie vor den Soldaten der Mahdi-Armee oder - und das ist wahrscheinlicher - sie hatten keine Lust mehr, für die US-Armee den Kopf hinzuhalten.

Das entstandene Vakuum muss ausgefüllt werden: Von zusätzlichen US-Soldaten, die George W. Bush im Wahljahr eigentlich abziehen wollte. ****

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