Offener Brief an Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat

Sehr geehrte Frau Bundesminister!

Wien (OTS) - Mit großer Verwunderung habe ich Ihre medialen Statements zur Ablehnung des neuen Gesamtvertrags und Ihre Geringschätzung gegenüber der Wiener Ärzteschaft und der Wiener Bevölkerung verfolgt. Besonders enttäuscht bin ich darüber, dass Sie die skandalöse Entscheidung des Verwaltungsrates einfach "zur Kenntnis nehmen" und die Gründe dafür, lapidar "nachvollziehen können". Ich kann es als Vertreter der Wiener Ärztinnen und Ärzte auf gar keinen Fall nachvollziehen, dass Ihnen als Gesundheitsministerin die medizinische Versorgung der Wienerinnen und Wiener nicht einmal eine klare ablehnende Äußerung wert ist.

Ihnen ist unser Gesundheitssystem zu teuer? Ihre Ideen zur Finanzierung waren bis dato ineffizient und haben nichts gebracht. Wenn ich Ihnen nur die Ambulanzgebühr, die Unfallrentenbesteuerung, die fehlende Lösung in Sachen Chefarztpflicht, die unglückliche Steuerreform und das Chaos mit der E-Card in Erinnerung rufen darf. Wann setzen Sie endlich die Hauptverbandsreform um, die der Verfassungsgerichtshof angeordnet hat. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Vorschlag bei der Bevölkerung große Zustimmung finden würde, denn die Aufgaben dieses Konstruktes sind der Öffentlichkeit sowieso mehr als unklar. Gleitsmann, Frad und alle jene, die gegen den Vertrag gestimmt haben, sollten mit der Entscheidung von vergangener Woche zum letzten Mal ihre Entbehrlichkeit unter Beweis gestellt haben.

Ihnen, Frau Minister, ist als einziger Ausweg aus der derzeitigen Finanzmisere nur eine Sonderprüfung der Gebietskrankenkasse eingefallen. Ich sehe darin, einzig und allein ein Ablenkungsmanöver wegen der fehlenden Lösungen auf dem Gebiet der Finanzierung.

Ich darf Ihnen auf diese Weise ein paar Behauptungen Ihrerseits und ebenso wichtige Fakten über die Medizin Weltstadt Wien in Erinnerung rufen:

Behauptung 1: Wien hat eine überflüssige Versorgung

Wien hat eine komplett andere Versorgungsstruktur als die übrigen Bundesländer Österreichs. In Wien gibt es ganz spezielle Krankheiten, die auch viel häufiger auftreten: HIV, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. Dazu kommen mehr Depressive, mehr Atemwegserkrankte, mehr Raucher, mehr Drogenpatienten, mehr Übergewichtige und mehr Diabetes-Patienten als in jeder anderen Stadt Österreichs. Es ist also ganz klar, dass in Wien auch mehr behandelt werden muss und somit auch im Verhältnis mehr Geld ausgegeben wird als auf dem Land. Fragen Sie doch Ihren eigenen Gesundheitssprecher zu diesem Thema!

Behauptung 2: Für Ärzte wird zu viel Geld ausgegeben

Die Tarife der Wiener Allgemeinmediziner sind die niedrigsten von ganz Österreich. Und auch die Facharztfallwerte in Wien liegen exakt im Österreichschnitt. Fragen Sie doch Frad und Gleitsmann, die beiden haben die Zahlen.

Behauptung 3: Wien hat zu viele Kassenärztinnen und -ärzte

Nur 42 Prozent der Wiener Ärztinnen und Ärzte haben überhaupt einen Vertrag mit der Wiener Gebietskrankenkasse. Im neuen Gesamtvertrag, der von Teilen des Verwaltungsrates abgelehnt wurde, ist sogar eine Reduktion der Kassenplanstellen um knapp 100 Stellen enthalten. Betrachtet man Wien im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten wie Paris oder Berlin, rangiert Wien bei der kassenärztlichen Versorgung sogar weit abgeschlagen. Lesen Sie diese Fakten in der IHS-Studie nach, die in Ihrem Ministerium sicher aufliegt.

Wahrscheinlich vergessen Sie bei all diesen Aussagen auch darauf, dass die Österreicherinnen und Österreicher stolz auf ihr Gesundheitssystem sind. Denn nicht ohne Grund lassen sich viele Verletzte aus noch so weit entfernten Urlaubsländern zurückholen, nur um in Wien behandelt zu werden.

Wäre Ihre Brust keine zweite Untersuchung wert, Frau Minister?

Sie werben für eine verbesserte Brustkrebsvorsorge durch Früherkennung, um möglichst vielen Frauen das Leben zu retten. Die regelmäßige Mammographie senkt die Brustkrebssterblichkeit um bis zu 50 Prozent. In Wien werden doppelt so viele Mammographien auf Kassenkosten wie beispielsweise in Oberösterreich gemacht, die als Folge laut ÖBIG mehr späterkannte Brustkrebsfälle haben. Trotzdem erreichen wir mit diesem österreichischen Spitzenwert erst ein Drittel der notwendigen Untersuchungen laut den internationalen State of the Art-Vorgaben. Ich meine, dass eine zweite Untersuchung sehr wohl ihr Geld wert ist, wenn dadurch das Leben einer Frau gerettet werden kann. Erklären Sie einmal den Wiener Patientinnen und Patienten, dass Ihnen eine zweite Untersuchung zu teuer ist!

In Wien wird kein Geld verschleudert, sondern der Wiener Bevölkerung wird Tag für Tag Spitzenmedizin geboten. Jeden kann es schon morgen treffen und dann möchte er genau die selbe Behandlung wie beispielsweise Sie, Frau Minister, bekommen.

Deswegen meine Aufforderung an Sie, sehr geehrte Frau Bundesminister:
Kümmern Sie sich im Sinne der Wiener Bevölkerung darum, dass sich diese missglückte Entscheidung am 14. April nicht wiederholt.

Im Vertrauen auf Ihre Durchsetzungskraft!

Ihr Prim. MR Dr. Walter Dorner
Präsident der Ärztekammer für Wien

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