"Die Presse" Glosse: "Angst essen Seele - und Europa auf (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 6.4.2004

Wien (OTS) - Genau 30 Jahre ist es her, dass der deutsche Filmemacher Rainer Werner Fassbinder mit seinem Werk "Angst essen Seele auf" das Thema Europäer-Marokkaner aufgegriffen hat. Mit einem Titel, der heute für ganz Europa gelten kann, während ein Drohbrief nicht nur Spanien, sondern den ganzen Kontinent wissen lässt, "Wir sind in der Lage, Euch zu jeder Zeit und in jeder Form anzugreifen"; während eine Verhaftungswelle rollt - und sich doch Europa vor dem nächsten Anschlag fürchtet; und während die Situation im Irak täglich mehr außer Kontrolle zu geraten droht.
Europa fürchtet sich und hat Angst. Das ist nicht das Gleiche. Nach den Anschlägen in den USA 2001 hatte Europa für kurze Zeit Angst; gefangen in jener unbestimmten, aber existenziellen Bedrückung, in der eine Lebensbedrohung zwar vorstellbar, aber nicht konkret auszumachen ist. Als aber schwere Anschläge in europäischen Staaten selbst ausblieben, Bali, Jakarta, Casablanca als unterschiedlich weit weg empfunden wurden, verflüchtigte sich dieses Gefühl rasch wieder. Seit 3/11, seit Madrid also, mischt sich diese Angst mit Furcht vor ganz konkreten Ereignissen. Die Auswirkungen jedes aufgefundenen Videos, jedes eingelangten Bekennerschreibens liegt darin, dass sie in diesem Zustand der Erregung einfach für wahr gehalten werden - ob sie authentisch sind oder nicht.
Das ist das Schlimmste: Die Angst vor der Angst. Furcht jedoch -zielgerichtet - kann einiges bewirken, wie man jetzt in Spanien sieht: Verhaftungen, Information, Ausfindig-Machen. Um die konstruktiven Reaktionen von Furcht aktivieren zu können, muss man sicher aber zuerst eingestehen, dass Angst begründet ist. Für dieses Eingeständnis ist es höchst an der Zeit.

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