Der Sonne zu nahe gekommen

"Presse"-Glosse vom 5.4./von Ernst Sittinger

Wien (PPR) - Herbert Paierl ist der Estag-Sonne zu nahe gekommen. Der steirische ÖVP-Wirtschaftslandesrat, der nun nach langem Ringen seinen Sessel räumt, galt in der Amtsführung rundum als erfolgreich, er erfand den Auto-Cluster, kurbelte die Wirtschaft an und sanierte das Landesbudget, wenngleich er letzteres nicht mit Strukturreformen, sondern mit Verkauf von Landesvermögen tat. Trotzdem ist sein Rücktritt notwendig: Paierl sonnte sich zu lange im gleißenden Licht einer Clique aus Anwälten und Wirtschaftskapazundern, die den Energiekonzern Estag als nie versiegende Geldquelle für private Geschäftsinteressen verstand. Auch wenn er selbst daraus keinen Nutzen zog, hat ihn dieses Licht doch im entscheidenden Augenblick geblendet - als es nämlich im Vorjahr darum ging, aus dem Skandal rasch und schonungslos Konsequenzen zu ziehen. Da wurde zu lange beschönigt, da wurden enge Freunde geschont. Für die steirische ÖVP insgesamt ist die Causa ein Alarmsignal. Jahrelang lebte m!
an unter den Fittichen von Waltraud Klasnic fröhlich dahin und dachte nicht an schlechte Zeiten. Als das Gewitter kam, suchte man verzweifelt nach dem nicht vorhandenen Regenschirm. Die Partei, die in der Offensive unschlagbar war, machte in der Defensive viele Fehler. Klasnic selbst benötigte Monate, um den Ernst der Lage zu erkennen. Soll der Schaden eingedämmt werden, darf Paierls Rücktritt aber nicht in Raten erfolgen, sondern muss rasch kommen. Die anderen Parteien sollen sich freilich nicht zu früh freuen. Auch die SPÖ ist in die Causa Estag verstrickt, nur steht ihr die Reinigung noch bevor. Und bisher waren alle Mitbewerber so schwach, um aus der Krise kein Kapital schlagen konnten. Wenn sich die ÖVP jetzt wieder erfängt, wird es für die anderen bei der Wahl 2005 wenig zu erben geben.

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