"Kleine Zeitung" Kommentar: "Estag-Desaster: Zwei Opfer und eine Verpflichtung" (von Claudia Gigler)

Ausgabe vom 5.4.2004

Graz (OTS) - Es gibt etwas, das Waltraud Klasnic kann wie kein anderer in der Politik: Sie zögert nicht, Parteifreunde politisch über die Klinge springen zu lassen, wenn es Not tut, aber sie beherrscht die Kunst, den erzwungenen Abgang ihres Opfers zu dessen höherer Ehre als seine Heldentat zu inszenieren.

Das männliche Jagdritual, zu dessen Repertoire es gehört, dass sich der Jäger mit dem Fuß auf der erlegten Beute präsentiert, ist ihre Sache nicht. Sie zielt und schießt, aber sie meidet die Erniedrigung. Im Falle Herbert Paierls hat sie spät zugeschlagen. Das Opfer hat die Pause vermutlich als Entwarnung missverstanden.

Die weihevolle Grabrede mag für Paierl selbst im Moment wenig Trost bedeuten. Der Herde soll sie signalisieren: Die Welt ist wieder in Ordnung in der ÖVP. Man hat genug von unkontrolliertem Muskelspiel. Man sehnt sich nach Frieden.

Der Hirschmann-Auftritt im Untersuchungsausschuss machte deutlich, dass kein Süßholz geraspelt wird. Je eher die Angriffe auf Paierl abgelenkt werden können von seiner Trägerrakete, der Partei, desto besser für die ÖVP.

Dennoch gibt es kaum jemanden, der nicht einen Anflug von Wehmut verspürt, angesichts der Opferbilanz des Estag-Desasters. Das Desaster besteht nicht im Ruin des steirischen Energiekonzerns, der lebt weiter, und das nicht schlecht. Desaströs
ist das Bild, das man nach dem Stand der Ermittlungen gewinnen muss über die Art und Weise, wie politische Entscheidungen über die Entwicklung von staatsnahen Betrieben
zustande kommen - oder eben nicht. Desaströs ist der Umstand, dass die Politik das Gefühl vermittelt, dass sie ihre Kompetenz an nicht näher definierte "Netzwerke" zu verlieren droht - wirtschaftlicher und sehr persönlicher Art. Und desaströs ist der
Befund, dass man bei Dingen, die aus dem Ruder laufen, über keinerlei Konfliktlösungspotenzial verfügt.

Zwei herausragende Vertreter der Spezies Politiker haben sich daran aufgerieben. Die, die sie nicht abhalten konnten von ihrem Selbstmordkommando, sind es ihnen schuldig, bei der Aufklärungsarbeit bis an die Wurzeln zu gehen.

Das betrifft in der Steiermark die ÖVP insofern, als im Dunstkreis der Macht besonders sorgfältig auf Profiteure geachtet werden muss.

Und es betrifft die SPÖ, die bisher keinen einzigen konstruktiven Beitrag zur Aufklärung geleistet hat. Sie nascht leise mit, wo es im Schatten der ÖVP etwas abzustauben gibt, und scheint dem Irrglauben zu erliegen, mit einem pharisäerhaften Aufschrei
dagegen sei es für den nächsten Wahlkampf getan. ****

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