- 01.04.2004, 13:43:54
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Kompetenzteam Bildung (2): Brandsteidl: "Wir brauchen moderne, bilinguale, europäische Schule"
Schrodt: Mit vorhandenen Ressourcen ist qualitätsvolles Unterrichten nicht mehr möglich
Wien (SK) Die Einrichtung des "Kompetenzteams Bildung" sei
eine wichtige und spannende Sache, so die Präsidentin des
Stadtschulrates der Stadt Wien, Susanne Brandsteidl, die am
Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz mit SPÖ-Vorsitzendem
Gusenbauer, SPÖ-Bildungssprecher Niederwieser und AHS-Direktorin
Schrodt auf die Unterschiede in der Bildungspolitik der Stadt Wien
und des Bundes hinwies. Brandsteidl skizzierte auch das
augenblickliche Schulsystem und wie im Gegensatz dazu eine
zukunftorientierte Schule aussehen solle. Heidi Schrodt, Direktorin
der AHS-Rahlgasse/Wien, erklärte aus der Praxis die Probleme der
österreichischen Schule in der Begabungsförderung, sowohl im Bereich
der weniger Begabten, als auch im Bereich der hochbegabten Schüler.
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Wien sei wirklich anders, so Brandsteidl. Zu sehen sei dies
beispielsweise daran, dass in Wien die ganztägigen Betreuungsformen
sehr stark ausgebaut seien. "Wir nehmen auch den Integrationsauftrag
sehr ernst, wie 672 Integrationsklassen beweisen", hielt Brandsteidl
fest. Gesamt müsse man aber festhalten, dass die Politik der
Bundesregierung eine ganz andere sei.
"Wir brauche eine moderne, bilinguale und europäische
Schule", forderte Brandsteidl. Weiters sollte eine solche Schule bis
15 Jahre ganztägig sein und internationale Abschlüsse bieten. "Die
Schule muss auch ein Ort sein, wo die Begabung aller Kinder und
Jugendlichen gefördert wird", so Brandsteidl. Auch eine neue Form des
miteinander Umgehens in der Schule sei erstrebenswert. "Natürlich ist
ein Unterschied zwischen zehn- und 18jährigen Schülern." Abhilfe
würde ein modulares System in den Oberstufen bieten, argumentierte
Brandsteidl. Es sei auch kein Widerspruch zwischen dem Streben nach
Leistung und Exzellenz in der Leistung und der Politik der
Sozialdemokratie zu erkennen. Vielmehr sei eine solche Orientierung
notwendig, wie Brandsteidl betonte.
Im Gegensatz dazu sei die Schule heute eine einsprachige,
"halbtägige Dorfschule" mit starker Selektion, Abschlüssen die sich
stark am österreichischen Markt orientieren würden und
inputorientiert. Die Pisa-Studie habe auch gezeigt, dass Österreich
bei dem Ausgleichen sozialer Unterschiede sehr schlecht sei, so
Brandsteidl kritisch. Das Ziel müsste daher eine
Entprovinzionalisierung des Schulwesens sein. Dafür sei auch eine
einheitliche, voll universitäre Lehrerausbildung wichtig, führte
Brandsteidl aus, die auch auf die Problematik des hohen Drop Outs in
der Sekundärstufe II hinwies. "Die Überlegung sollte daher zu einem
mittleren Abschluss gehen", hielt die Präsidentin des Wiener
Stadtschulrates fest. Zur Frage der Autonomie einzelner Schulen sagte
Brandsteidl, dass sich der Staat nicht unter dem Vorschub von
Autonomie aus der Verantwortung für das Gesamtsystem Schule entziehen
dürfe.
Schrodt hielt fest, dass sie als Direktorin eine große
Befürworterin einer größtmöglichen Autonomie sei. Gleichzeitig sei es
aber auch wichtig, dass der Staat Ziele vorgebe und auch die
Einhaltung dieser Ziele überprüfe.
"Das Problem der österreichischen Schule ist, dass sie sehr
gut ist in der Förderung der breiten Mitte und ganz schlecht bei der
Förderung von den ganz Schwachen und Höchstbegabten", hielt Schrodt
fest. Dies sei auch in der Praxis immer stärker spürbar, weil die
Schulen immer mehr mit einer äußerst heterogenen Schülergruppe zu tun
haben. "Mit den vorhanden Ressourcen ist qualitätsvolles Unterrichten
nicht mehr möglich", so Schrodt kritisch. Eine gezielte
Individualförderung, eines der Merkmale der bei der Pisastudie,
erfolgreichen Länder, sei zumindest in den Städten nicht mehr
umsetzbar. Die Frage sei nun, wie man strukturell und organisatorisch
darauf reagieren und den Leistungsbegriff wieder positiv besetzen
könne. "Alle Schüler sollten zu möglichst hohen Leistungen geführt
werden. Auch im sozialen Bereich", führte Schrodt aus.
Ein weiteres Defizit sei das Fehlen von professionellen
Managment- und Leitungsinstrumenten, kritisierte Schrodt. Die sehr
flache Struktur - eine Direktorin und ein Stellvertreter - sei
komplett unterentwickelt. "So kann man eine moderne, professionelle
Schule nicht führen", so Schrodt. Österreichs Schulen bräuchten eine
grundlegende Reform und nicht noch mehr an Flickwerk. Die
Zukunftskommission habe eine mögliche Richtung aufgezeigt. "Wir
brauchen einen nationalen Bildungsplan. Auch im Bündnis mit anderen
Parteien. Ich würde mich freuen, wenn wir mit dem Kompetenzteam einen
ordentlichen Schritt zur qualitätsvollen Schule schaffen würden", so
Schrodt.
Zur Frage, wie eine Begabtenförderung konkret aussehen
könnte, hielt Schrodt fest, dass man sich hier am Beispiel Finnland
orientieren könne. Es gebe dort eine Gesamtschule und an jeder
Schule, die mit circa 400 Schülern relativ klein seien, gebe es
Fachkräfte, die eine eigene Ausbildung zur Begabtenförderung
absolviert hätten. "Diese arbeiten dann mit einzelnen Kindern nach
einem einzelnen Lehrplan. Der Direktor überprüft wöchentlich die
Fortschritte", erläuterte Schrodt. Für eine solche Form der Förderung
sei aber ein Umbau des gesamten Systems Voraussetzung. Brandsteidl
führte aus, dass es in Österreich augenblicklich drei Formen der
Begabtenförderung gebe. Eine davon sei beispielsweise das
Überspringen von Schulstufen. Wichtig sei aber auch der Ansatz, die
Förderung von Begabten an jedem einzelnen Standort zu gewährleisten,
da in jeder Volksschule 1,7 Prozent der Schüler hochbegabt seien.
"Wir können es uns nicht leisten, diese Begabungen nicht zu fördern",
hielt Brandsteidl abschließend fest. (Schluss) js
OTS0194 2004-04-01/13:43
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