- 31.03.2004, 17:00:18
- /
- OTS0293 OTW0293
WirtschaftsBlatt-Kommentar Der Reiz der langen Nächte
von Gerhard Marschall
Wien (OTS) - Es musste Nacht werden, dann erst konnten sich
Wirtschafts- und Umweltminister darauf einigen, wie viel Kohlendioxid
die österreichische Industrie in den nächsten drei Jahren ausstossen
darf. Auch die deutschen Amtskollegen hatten sich in dieser Frage
soeben erst spätnachts gefunden. Da durfte es in Wien nicht schneller
gehen.
Selbe Nacht, andere Baustelle: Vorstand und Betriebsrat von AUA
und Lauda Air haben sich nach ebenfalls langem, zähen Ringen auf
einen neuen Kollektivvertrag für das fliegende Personal geeinigt.
Da wie dort war hernach gedämpfte Zufriedenheit. Alle sahen sich
irgendwie als Sieger, niemand hatte verloren - die übliche
Verhandlerglückseligkeit. Das Ritual ist bekannt: Ob EU-Beitritt oder
Regierungsbildung, Steuerreform oder Lohnerhöhung - immer braucht es
die Nacht. Was hat sie, was der Tag nicht kann?
Es ist einfach so, dass sich Lösungen oft erst im letzten Moment
und unter Zeitdruck ergeben. Irgendwann ist alles gesagt, dann erst
kann es einen haltbaren Kompromiss geben. Zum anderen ist aber auch
viel Inszenierung, deren Botschaft lautet: Während das Volk friedlich
schläft, wird um sein Wohl gerungen, und der neue Tag kann mit einer
guten Nachricht beginnen.
Die Methode mag plump sein, aber sie wirkt. Wer sich zu rasch
einigt, gerät in den Verdacht, nicht alles ausgereizt zu haben oder
gar über den Tisch gezogen worden zu sein.
Aber es gibt auch die Umnachtung. Nicht alles, was kurz vor der
Erschöpfung ausgehandelt wird, muss vernünftig sein. Umso mehr lohnt
es sich, die Beschlüsse bei Licht zu betrachten.
Da sind die beiden Fluglinien, in die jetzt Friede einkehren kann.
Die Pilotengehälter werden angeglichen, die künftige Ausgabendynamik
wird eingedämmt, das Streikgespenst ist in die Flasche zurückgekehrt.
Und da ist die Industrie, die mit dem deutlich nachgebesserten
Emissionspaket durchaus leben kann. Es wird kein Nachteil gegenüber
ausländischer Konkurrenz erzeugt, kein Unternehmen wird in seinem
Wachstum gebremst. Zur Hysterie besteht also kein Anlass, schon gar
nicht zur Emigration, mit der aus taktischer Empörung gedroht worden
ist.
Von einer 13-prozentigen CO2-Reduktion ist Österreich allerdings
weiter entfernt denn je. Um das seinerzeit feierlich besiegelte
Kyoto-Ziel zu erreichen, wird es noch vieler nächtlicher
Verhandlungsrunden bedürfen.
OTS0293 2004-03-31/17:00
OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB






