WIR BRAUCHEN SPITZENARCHITEKTUR, ABER AUCH ALLTAGSARCHITEKTUR Diskussionsbeiträge im Rahmen der Enquete-Kommission

Wien (PK) - Paula Huotelin (The Finnish Association of
Architects) informierte über das architekturpolitische Programm
der finnischen Regierung, dessen Ziel es ist, das verfassungsgemäße Recht der Bürger auf eine lebensgerechte Umwelt zu realisieren. Aus diesem Grund werden hohe Standards für öffentliche Gebäude festgelegt, um dadurch beispielhaft für den gesamten Bausektor zu wirken. Der Staat suche die Architekten
nicht nur nach wirtschaftlichen Kriterien aus, der Zuschlag
erfolge mehr denn je nach den Kriterien der Qualität, betonte
sie.

Die Auftragsvergabe wiederum folge einem transparenten Verfahren nach einheitlichen nationalen Wettbewerbsregeln, die als Qualitätssicherung zum Schutz der Bauherren, der Konsumenten und der Architekten verstanden werden. Überdies setze das Umweltministerium Regionalarchitekten zur Betreuung von
ländlichen Gemeinden ein, um auch in entlegeneren Gebieten das Wissen über Architektur und Baukultur zu erweitern.

In der anschließenden Diskussionsrunde plädierte Abgeordnete
Dr. Andrea Wolfmayr (V) für die Entwicklung einer ökosozialen Architektur in Anlehnung an die ökosoziale Marktwirtschaft, um allen Bevölkerungsgruppen Freiräume zu bieten und Form und Funktion des Bauens zu vereinigen. Dazu werden innovative
Lösungen notwendig sein, war sie überzeugt.

DI Volker Dienst mahnte die ressortübergreifende Verantwortung
ein. Architektur sollte Teil der Kreativwirtschaft werden und Imagecharakter für Österreich ausüben.

DI Georg Pendl (Vorsitzender der Bundessektion Architekten der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten) forderte eine Auflockerung der derzeit restriktiven Zugangsbestimmungen zur Architektenkammer und kritisierte, das Abstellen auf lange Praxiserfordernisse entspreche nicht mehr der Realität.

DI Robert Krapfenbauer, Präsident der Bundeskammer der
Architekten und Ingenieurskonsulenten, führte ins Treffen, Österreich benötige Hilfe seitens der Politik, um der Qualität in der Architektur zum Durchbruch zu verhelfen. Vorstellbar waren
für ihn etwa klare übergreifende Förderungsprogramme in Verbindung mit der Wohnbauförderung sowie entsprechende Definitionen, um einen bloßen Preiswettbewerb zu vermeiden. Im Übrigen trat er dafür ein, diese Fragen im Rahmen der Bundesstaatsreform zu überdenken.

Dr. Josef Ostermayer (Büro Stadtrat Faymann) betonte, in Wien
werde nur dort gebaut, wo es eine entsprechende Infrastruktur
gibt. Geförderter Wohnbau finde nur dann statt, wenn das Projekt von einer interdisziplinären Jury positiv bewertet wurde.

DI Utz Purr regte für die Zeit der österreichischen EU-Präsidentschaft die Abhaltung einer europäischen Enquete über Fragen der Architekturpolitik an.

Marie-Helene Lucas (Vizepräsidentin des ACE) rief nach klaren politischen Aussagen zur Architektur und meinte, gesetzliche Vergabekriterien sollten Qualitätsvoraussetzungen festschreiben. Europäische Direktiven seien dabei ebenso notwendig wie nationale Regeln.

Wirtschaftsminister Martin Bartenstein zeigte sich skeptisch hinsichtlich der Forderung, Qualität als Gesetzesauftrag zu formulieren. Mit unscharfen Begriffen wie Qualität beim Bau
würden vergaberechtliche Fragen bloß noch schwieriger werden als sie es ohnehin schon sind, argumentierte er. Was die Zugangsregelungen zum Architektenberuf betrifft, verwies der Minister auf die kommende Dienstleistungsrichtlinie der EU, die einen Liberalisierungsschub für die freien Berufe bringen werde.

Mag. Michaela Mischek (Mischek BAU AG) teilte mit, Qualitätskriterien seien in der Wohnbauförderung bereits weitgehend eingeführt. Ein nicht unwesentlicher Teil der Gelder werde heute dazu verwendet, Gebäude nach hohen architektonischen und ökologischen Standards zu errichten. Eine Senkung der Wohnbauförderungsmittel würde diese Standards in Frage stellen, warnte sie.

Abgeordnete Dr. Evelin Lichtenberger (G) erinnerte an die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand in Sachen Baukultur. Der Wettbewerb müsse entsprechend ausgerichtet werden, damit nicht
nur Preiskriterien bei der Vergabe zur Geltung kommen.
Lichtenberger sah in diesem Zusammenhang vor allem auch
politischen Handlungsbedarf.

Präsident DI Helmut Reitter (Kammer für Architekten und Ingenieurkonsulenten für Tirol und Vorarlberg) zeigte sich betroffen von der Aussage des Wirtschaftsministers, Qualität sei nicht definierbar, und betonte demgegenüber die Notwendigkeit,
die üblichen Preiswettbewerbe durch Qualitätswettbewerbe zu ersetzen. Reitter sprach sich gegen Bau- Totalunternehmer sowie gegen Amtsplanungen aus und unterstützte das Verlangen nach einer Förderung junger Architekten.

Wolfgang Feyferlik (Ingenieurkammer Graz) zeigte sich enttäuscht von der bisherigen Diskussion, in der er nur Gemeinplätze gehört habe. Zudem bemängelte Feyferlik das geringe Interesse der Politiker gegenüber der Architektur.

Mag. Maria Ranacher bekannte sich schließlich nachdrücklich zur modernen Architektur, die ihren Platz haben soll, wandte sich
aber aus der Sicht des Denkmalschutzes ebenso entschieden gegen
die Errichtung von Hochhäusern in Wien.

Univ.-Prof. DI Dr. Gerlind Weber (Universität für Bodenkultur, Institut für Raumplanung und ländliche Neuordnung) hielt im Zusammenhang mit dem Thema Ökologie und Nachhaltigkeit fest, dass jede Bauplanung eine Antwort auf die Frage voraussetze, wo gebaut werden solle. Der Raumplanung komme dabei die Aufgabe zu, Bauland von unbebauter Kulturlandschaft zu trennen. Hierbei ortete Weber
in Österreich eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Praxis. Das Problem heiße "Zersiedelung" und "ausgefranste Siedlungsränder". Die Folge seien lange Wege, die von den Menschen zurückgelegt werden müssen, Zersiedelung torpediere auch den Klimaschutz und zwinge die öffentliche Hände zu hohen Infrastrukturaufwendungen. Zersiedelung sei Raubbau am Lebenselement Boden, sagte Weber, sie verstoße gegen die Grundsätze der Ökologie und der Generationengerechtigkeit und zerstöre mit den Ortsbildern kulturelles Erbe. Webers Appell an den Bund lautete auf Prüfung
der Kompetenzverteilung zwischen den Gebietskörperschaften, auf Stärkung der Aufsicht über die Gemeinden, auf stärkere Zusammenarbeit zwischen den Gebietskörperschaften, auf Bindung
von Finanzausgleichsmitteln und Kommunalkrediten an
raumplanerische Auflagen und auf die Einrichtung einer Stiftung
für Baukultur.

DI Erich Steinmayr (Denkmalbeirat des BMfBWK) erinnerte daran,
dass die aktuellen Architekten und Städteplaner im Gegensatz zum ausschließlich progressiven Zukunftsdenken der Avantgarde in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ihr Schaffen nun bewusst
eng mit dem gegenwärtigen soziokulturellen Kontext und
Hintergrund verknüpfen. Dazu gehört die Verbindung mit der aus
der Vergangenheit überlassenen Architektursubstanz. Basis für die Zukunft ist auch in der Architektur das historische Bewusstsein.
"Es geht darum, an der Welt weiterzubauen, nicht, eine neue zu erfinden". Das Restaurieren und Revitalisieren historischer
Substanz müsse auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgen. Dazu komme eine vielschichtige Gegenwartsbetrachtung, die unterschiedliche Bewertungen, auch wirtschaftliche, einschließe. Man müsse zeigen, ob die Geschichte einer historischen
Baustruktur weiter geschrieben werden könne. Wo Architektur im ursprünglichen Zusammenhang nicht mehr nutzbar oder finanzierbar sei, sei auch die Überlegung auf den Verzicht auf das Vorhandene und der Impuls für einen Neuansatz legitim. Doch auch solche Entscheidungen müssen nach dem Grundsatz getroffen werden, aus gegenwärtiger Sicht am Vorhandenen weiterzudenken, sagte der Experte.

Direktor DI Markus Berchtold (Vorarlberger Architekturinstitut) berichtete den Teilnehmern an der Enquete über die vielen Aspekte der Vorarlberger Architekturbewegung, die große internationale Aufmerksamkeit errege. Zentraler Ansatz der verschiedenen
Richtungen Vorarlberger Architektur sei die Gestaltung des Lebensraumes. "Baukultur wird zur Lebensraumkultur". Die Vorarlberger Architekturbewegung schaffe Freiräume für Kreativität, in denen Beiträge entstehen, die in die internationale Architekturdiskussion eingebracht werden können.

Charakteristisch für die Vorarlberger Architekturbewegung sei die Kooperation aller am Baugeschehen Beteiligten, so auch die Einbeziehung der Banken und der Gemeinden, wobei Berchtold nicht ohne Stolz anmerkte, dass mittlerweile jede Vorarlberger Gemeinde ein Architekturbüro habe. (Forts.)

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