BARTENSTEIN: GUTE ARCHITEKTUR MARKENZEICHEN UND WICHTIG FÜR TOURISMUS Morak: Österreichs Architekten haben weltweit bedeutenden Ruf

Wien (PK) - Im Anschluss an die Referate folgte eine Reihe von Diskussionsbeiträgen. DI Max Nirnberger (Architekturforum Oberösterreich) machte auf Schwierigkeiten junger Architekten aufmerksam und meinte, eine noch so gute Ausbildung sei nichts
Wert, wenn die ausgebildeten Architekten nach ihrer Ausbildung
keine Chance geboten bekämen. Wenn man von Wettbewerben für junge Architekten spreche, meine man meistens Architekten zwischen 45
und 50 Jahren, skizzierte er. Wirklich jungen Architekten würde
es schwer gemacht, sich in das Berufsleben einzuklinken.
Nirnberger wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass 90 % der Wettbewerbe Verhandlungsverfahren und geladene Wettbewerbe seien bzw. junge Architekten nicht in der Lage seien, die Ausschreibungskriterien zu erfüllen.

Abgeordneter Wolfgang Großruck (V) ersuchte die Anwesenden im
Namen des Behindertensprechers der ÖVP, Franz-Josef Huainigg, bei architektonischem Planen und Bauen auch auf barrierefreies Bauen
zu achten. Barrierefreiheit sollte genauso berücksichtigt werden wie Ökologie, Ökonomie und Ästhetik, betonte er. Die Politik sieht Großruck aufgefordert, barrierefreies Bauen in den Bauordnungen zu verankern.

DI Ute Woltron (Plattform für Architektur und Baukultur der BIG) vermisst bei der Diskussion, wie sie sagte, die zuständigen Bundesminister und meinte, sie habe den Eindruck, als ob ein Familien- und KollegInnentreffen der Architekten stattfinde.
Ihrer Auffassung nach ist es notwendig, präzise Anliegen an die Politik zu formulieren.

Bundesrat Gottfried Kneifel (V) betonte, alle seien sich einig,
dass im Bereich der Architektur und des Bauens mehr Qualität einziehen solle. Für ihn ist es eine zentrale Frage, wie man Bauherren, vor allem auch kleine, mit der Kompetenz und der Erfahrung der Architekten zusammenbringen könne. In
Oberösterreich wurde seiner Darstellung nach gemeinsam mit der Architektenkammer ein Beratungsscheck eingeführt, mit dem man
eine Architektenleistung im fünffachen Wert des Schecks abrufen kann. Kneifel kann sich vorstellen, dieses Anreizsystem weiterzuentwickeln.

Aus der Sicht eines Bauingenieurs und langjährigen Kommunalpolitikers ging Abgeordneter DI Roderich Regler (V) auf
die Hauptprobleme ein, die bei Bauvorhaben in den Gemeinden auftreten. Da es sehr wichtig sei, gute Flächenwidmungs- und Bebauungspläne zu erstellen, sollte auf diesem Bereich bei der Ausbildung der Architekten ein großer Wert gelegt werden, meinte er. Außerdem müsse darauf geachtet werden., dass Altes und Neues gut zusammenpasse. Insgesamt wünsche er den Architekten mehr Mut, um die Bauherren davon zu überzeugen, dass nicht nur eingefahrene Wege beschritten werden können.

Mag. Maria Ranacher (Österreichische Gesellschaft für Denkmal-
und Ortsbildpflege) wies darauf hin, dass ihre Organisation eine Resolution an die Bundesregierung richten wolle, um für einen besseren und aktiveren Schutz des Natur- und Kulturerbes zu
sorgen. Ihrer Ansicht nach habe nämlich in den letzten Jahren ein schrankenloser Raubbau an den Ressourcen eingesetzt. Österreich werde dadurch gerade jener Substanz beraubt, von der es als Fremdenverkehrsland sehr gut leben könne, betonte sie. Die Gesellschaft für Denkmalpflege setze sich daher dafür ein, dass das Natur- und Kulturbewusstsein gebildet und die pflegliche Behandlung der Ressourcen nicht auf einige mühsam erkämpfte Ausnahmen beschränkt bleibt, sondern dass dies eine Selbstverständlichkeit wird. Ein klares Bekenntnis zu diesen
Werten sollte auch in einem Gesetz verankert werden, forderte
sie.

Abgeordneter Mag. Eduard Mainoni (F) erinnerte zunächst daran,
dass in den siebziger und achtziger Jahren die Gestaltungsbeiräte in den Städten eingerichtet wurden. Dies war eine gute Maßnahme, da vorher mitunter der Freunderlwirtschaft und der Korruption Tür und Tor geöffnet waren. Allerdings haben sich diese Beiräte teilweise in eine falsche Richtung entwickelt, da sie manchmal
nur mehr mit internationalen Architekten besetzt wurden, die nur für einen Tag eingeflogen wurden und die Situation und die Bedürfnisse vor Ort schwer beurteilen konnten.

Staatssekretär Franz Morak meinte, seit Beginn der neunziger
Jahre seien Architektur und Baukultur verstärkt zum Thema staatlicher Politik in Europa geworden. Ausgangspunkt sei hierbei das Weißbuch "Architecture in Europe tomorrow" gewesen, in
welchem Architektur als Wirtschaftssektor, aber auch als für die Gesellschaft insgesamt relevant hervorgehoben wurde. Auch in Österreich steige der Stellenwert von Architektur und Baukultur, und Österreichs Architekten hätten international einen
bedeutenden Ruf. Sein Ressort fördere Architektur und Baukultur
in einem drei Säulen umfassenden Modell. Hier seien zunächst Stipendien und Preise zu nennen. Darüber hinaus gebe es in jedem Bundesland ein Architekturhaus und vergleichbare Institutionen, schließlich gebe es entsprechende Publikationen. Zudem habe er Expertengespräche initiiert, um die öffentliche Wahrnehmung der österreichischen Architektur zu erhöhen. Der Staatssekretär ging sodann gesondert auf das heimische Preiswesen ein und nannte u.a. die Träger des Großen österreichischen Staatspreises für Architektur.

Bundesminister Martin Bartenstein sagte, es gebe kaum einen Kreativitätsbereich, der so Identität stiftend sei für Österreich wie die Architektur. Seit Jahrhunderten prägten österreichische Architekten das in- und ausländische Landschafts- und Städtebild, man erinnere sich an Hansen, Schmidt, Wagner, Olbrich, Hofmann
und Loos oder, um in die heutige Zeit zu kommen, Holzbauer,
Peichl, Hollein und viele andere mehr. Architektur spiele sich
dabei erfreulicher Weise nicht nur in Wien, sondern auch in ländlichen Gebieten ab. Gute Architektur sei ein Markenzeichen
und mithin auch wichtig für den Tourismus, betonte der Minister. Die Verantwortlichen für diese Werke sollten daher auch entsprechend in die Gestaltung der Rahmenbedingungen einbezogen werden, plädierte der Minister, der auf die Initiativen seines Hauses in diesem Zusammenhang einging.

Abgeordnete Mag. Christine Muttonen (S) konstatierte, dass Österreich am Beginn eines Prozesses stehe, Architektur tief in
das Bewusstsein der Bevölkerung zu verwurzeln. Diese Enquete
solle ein Startschuss für eine breit geführte Diskussion zum
Thema sein, diesbezüglich sollte ein Architekturrat eingerichtet, ein entsprechendes Leitbild erstellt werden und es regelmäßige Berichte geben. Architektur solle Vorzeigeprojekte ebenso zu Tage bringen wie eine Alltagskultur schaffen, wobei die Kluft zwischen diesen beiden nicht zu groß sein dürfe. Ziel der Architekturpolitik sollte es daher sein, Diskursräume zu diesen Fragen zu schaffen, wofür es auch entsprechende Mittel brauche. Öffentlichkeits- und Vermittlungsarbeit hätten dabei einen besonderen Stellenwert, so Muttonen, die auch dafür eintrat, dass Architektur fächerübergreifend begriffen werden sollte. In fiskalischer Hinsicht plädierte Muttonen für die Gleichstellung der Architekten mit den Künstlern.

Abgeordneter Mag. Eduard Mainoni (F) zeigte sich begeistert von
der hervorragenden Idee zu dieser Enquete. Es brauche einen
Dialog, und daher wolle er es nicht versäumen, sich auch in
diesen Diskurs einzubringen. Architektur sei eine klassische Querschnittsmaterie, weshalb er zwei Schwerpunkte herausgreifen wolle; das Bekenntnis zum Schutz von Landschaft und historischer Architektur einerseits, denn Architektur sei der kulturelle
Ausdruck eines Landes, der nicht durch Leichtsinn oder Profitgier zerstört werden dürfe. Zum zweiten sei es ihm um die Architektur des sozialen Wohnbaus zu tun, denn auch hier spiele Architektur
eine vitale Rolle für die Gesellschaft. Hier habe es in der Vergangenheit Fehler gegeben, die es pro futuro zu vermeiden
gelte. Es gebe eine Sehnsucht der Menschen nach mehr
Wohnqualität, und dem müsse man Rechnung tragen, so Mainoni.

Abgeordnete Dr. Eva Glawischnig (G) bekannte sich zu Qualität und zu zeitgenössischer Architektur als Ausdruck einer modernen und offenen Gesellschaft. Die Aufgabe der Parlamentarier sei es
dabei, die Anregungen der Experten aufzugreifen und entsprechend politisch aufzubereiten. Hier sei der Bund gefordert, die
Grundlagen für eine reibungslose Baukultur zu schaffen. Die Rolle der öffentlichen Hand als Bauherr müsste hier eindeutig definiert werden, so die Rednerin, die sodann auf die Wohnbauförderung einging, wo sie sich präzisere Qualitätskriterien wünschte. Schließlich müsse man sich zeitgemäß mit der Raumordnung auseinandersetzen, wo eine übergeordnete Raumplanung auf Bundesebene überlegenswert sei. Diesbezüglich wäre ein Nachdenkprozess unter Einbeziehung der Experten wünschenswert, schloss Glawischnig.

Der Themenblock VI befasste sich mit europäischen Modellen zur Architekturpolitik. Dr. Ullrich Schwarz, Vorsitzender des Fördervereins für die Stiftung Baukultur, referierte sodann die diesbezügliche Praxis in Deutschland ein und ging dabei auf
einige Projekte ein, die derzeit in seiner Heimat am Laufen
seien. Er rekapitulierte die Diskussion, die zur Schaffung einer eigenen Bundesstiftung Baukultur geführt habe, und ging sodann
auf die Aufgaben und Arbeitsfelder dieser Stiftung ein, dabei
auch Finanzierung und Struktur der Stiftung erläuternd.

Cilly Jansen, die Direktorin der Architectuur Lokaal Holland, berichtete über die Verhältnisse der Architektur in den Niederlanden, wo unabhängige Architekturstiftungen eine besondere Rolle spielten. Schließlich ging Jansen auf die Aufgaben der diversen Stiftungen ein und legte die Leitlinien der niederländischen Architekturpolitik dar. Von zentraler Bedeutung sei dabei ein ansprechendes Klima für Architektur, meinte Jansen, zu welchem die Politik maßgeblich beitragen könne. (Forts.)

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