ENQUETE-KOMMISSION "ARCHITEKTURPOLITIK UND BAUKULTUR IN ÖSTERREICH" Abgeordnete und Experten diskutieren über moderne Architektur

Wien (PK) - Fragen der Architekturpolitik und der Baukultur
standen heute im Mittelpunkt einer parlamentarischen Enquete-Kommission. Abgeordnete und Experten diskutierten dabei über die Rahmenbedingungen zur Förderung einer zeitgenössischen Baukultur sowie über Grundlagen einer ressortübergreifenden Architekturpolitik. Die Veranstaltung, die auf Initiative aller
vier Parlamentsfraktionen stattfand, wollte vor allem auch die
Basis für ein breites, nationales Programm zur Vermittlung von Architektur-, Raum- und Lebensqualität legen.

Nationalratspräsident Andreas Khol unterstrich in seinen einleitenden Worten den Charakter von Architektur als Querschnittsmaterie und meinte, Architektur sei ein Teil der Kreativwirtschaft, Ausdruck der Lebenskultur und der Identität
des Landes, aber auch wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die heutige Enquete-Kommission war für Khol eine Entscheidungsvorbereitung
für konkrete Beschlüsse des Nationalrats. Die Tatsache, dass sich das Parlament mit diesem Thema so ausführlich auseinandersetzt, zeige, wie wichtig der Gesetzgeber Architekturpolitik und
Baukultur nehme.

Abgeordnete Doris Bures (S), die den Vorsitz führte, erinnerte daran, dass der Bautenausschuss und der Kulturausschuss gemeinsam die Vorbereitungen für diese Enquete übernommen hatten. Sie wertete dies ebenfalls als Zeichen dafür, dass ressortübergreifende Lösungen durch den Gesetzgeber gefunden werden müssen.

IMPULSREFERATE

Die Reihe der Impulsreferate leitete Univ.-Prof. Dr. Friedrich Achleitner mit der kritischen Feststellung ein, das heutige Bauen zeige vielfach eine radikale Kürzung der Lebenszyklen, man produziere immer mehr ökonomisch kalkulierten Abbruch, ein großer Teil des Erbes werde keinen Cent wert sein. Die Wirtschaft sehe
die Architektur eher als Werbeträger und Imagepolitur, weniger
aber als Arbeitswelt. Den Architekten wiederum würden Schlingen komplizierter Vertragswerke um den Hals gelegt.

Baukultur sei Wahrnehmung und Pflege der kreativen Kräfte einer Gesellschaft, zeitgenössische Qualitätskultur sichere das Kulturerbe von morgen. Dazu bedürfe es nach Meinung Achleitners einer Politik, die fähig ist, die Gesellschaft als kulturelles Phänomen zu begreifen, und einer Wirtschaft, die Respekt vor kultureller Arbeit hat. Baukultur ohne Basis werde es nicht
geben, mahnte er.

Direktor Dietmar Steiner (Architektur Zentrum Wien) stellte fest, die österreichische Architektur genieße international einen hervorragenden Ruf. Es seien gerade die Leistungen der österreichischen Architekten, die heute den Begriff der Kulturnation Österreich begründen, sagte er. Was man allerdings
in den Städten an Bauwerken zu sehen bekomme, sei nicht Architektur, sondern nicht vorhandene Baukultur, ein gebauter Ausdruck der gesellschaftlichen Realität, für die alle verantwortlich sind.

Steiner verlangte von der Politik, die Leistungen der österreichischen Architekten wirtschaftlich anzuerkennen und Instrumente und Rahmenbedingungen zu entwickeln, um die weltweite Bedeutung der architektonischen Spitzenleistungen Österreichs für die allgemeine Baukultur wirksam zu machen. Österreich müsse sich des großen Potentials seiner architektonischen Produktivität bewusst sein, betonte er, denn "Architektur ist Lebensmittel, ist Überlebensmittel".

Volker Dienst (Koordinator der Plattform für Architektur und Baukultur) befasste in seinen Ausführungen mit der Verantwortung der Bauherren und schickte voraus, niemand in Österreich sei
gegen Baukultur oder für minderwertige Architektur. Es fehle aber an Rahmenbedingungen und innovativen strategischen Konzepten.
Dienst verstand Baukultur als qualitätsorientierte und interdisziplinäre Umweltgestaltung. Deshalb gehe es, wie er zu bedenken gab, in der Architekturpolitik nicht um ein paar Stararchitekten, sondern vielmehr um die Sicherung der Lebensqualität für die Bevölkerung. Aus diesem Grunde müsse das Wissen über Architektur und Raumqualität zum Selbstverständnis auch der kleinen Leute werden, es dürfe nicht nur intellektuellen Eliten vorbehalten bleiben.

Darüber hinaus sprach Dienst auch die finanzielle Seite der Baukultur an. Schlechte Architektur koste genauso viel wie gute, stand für ihn dabei fest. Er trat dafür ein, 0,3 Promille des Budgets in die Architekturpolitik zu investieren. Dies würde weniger als 7 € pro Einwohner jährlich ausmachen und sei es wert, damit sich auch noch die nächste Generation über das kulturelle Erbe Österreichs freuen kann, schloss er.

Herbert Logar (BIG) präsentierte die Bundesimmobiliengesellschaft als größten Architekturproduzenten in Österreich und unterstrich, die Ausrichtung der BIG auf den Wettbewerb sei zwingend gewesen. Trotz aller betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen glaube die BIG aber an ihren gesellschaftlichen und kulturpolitischen
Auftrag und fördere Qualitätsarchitektur. Logar warnte
allerdings, dass verordnete Regulative einen einseitigen Wettbewerbsnachteil gegenüber der Privatwirtschaft darstellen könnten.

Christoph Stadlhuber (BIG) zeigte sich überzeugt, dass gut bauen preiswerter sei als billig bauen. Als entscheidend sah er es an, bereits in einer sehr frühen Phase Kontakt mit den Nutzern aufzunehmen und ihre Bedürfnisse abzustecken. Gute Architektur entstehe nicht erst in der Bauphase, sondern in der Vorbereitungsphase, war für Stadlhuber klar. Wichtig sei es weiters, die Folgekosten der Projekte absehbar zu gestalten. Er kündigte in diesem Zusammenhang die Herausgabe eines Weißbuches "Wettbewerbe" als freiwillige Selbstverpflichtung der BIG an, um Qualitätsstandards für gute Architekturproduktionen zu
erarbeiten.

DISKUSSION

Helmut Reitter (Präsident der Kammer für Architekten und Ingenieurskonsulenten für Tirol und Vorarlberg) eröffnete die Diskussionsrunde mit der Bemerkung, Programme seien wichtig,
ebenso wichtig sei es aber, dass die richtigen Personen mit Begeisterung an der richtigen Stelle tätig sind. Er verwies in diesem Zusammenhang auf Beispiele in Tirol, wo Lebensmittelmärkte in Zusammenarbeit mit Architekten architektonisch hochwertig gestaltet wurden, aber auch auf die Architekturoffensive der ÖBB unter Generaldirektor Draxler.

Univ.-Prof. Mag. Roland Gnaiger (Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, Institut für Architekturkonzeption und Entwurf) sprach die Rolle der Bürgermeister als erste Instanz in Bauverfahren an und trat für eine Forcierung der diesbezüglichen Verfahren in den Gemeindeausschüssen, aber auch für eine verstärkte Förderung von Vermittlungsinitiativen für die politischen Entscheidungsträger ein. Anhand von Best-Practice-Projekten sollte den Kommunalpolitikern die Entscheidung für Qualitätsarchitektur leichter gemacht werden.

DI Sabine Gretner (Grüner Klub im Rathaus) erwartete sich von der Enquete-Kommission eine Bewusstseinsänderung in Richtung
Baukultur. Es sollten Handlungsweisen gefunden werden, die dem kulturellen Niveau Österreichs im Bereich der Architektur gerecht werden, meinte sie.

Andreas Vass (IG-Architektur) erläuterte die Interessenlage jüngerer Architekturschaffender und kleinerer Architekturbüros.
Es wäre ein Beitrag zur Verbesserung der Baukultur, würde ein breiteres Spektrum von Architekten berücksichtigt. "Die Kreativwirtschaft lebt nicht nur von Stars und großen Büros". In diesem Sinn appellierte Vass an die Parlamentarier, die Entwürfe zum Ziviltechnikergesetz und zum Ziviltechniker-Kammergesetz
nicht in der vorliegenden Form zu beschließen, da sie Verschlechterungen für kleine Architekturbüros mit sich brächten.

Abgeordnete Christine Muttonen (S) ging davon aus, dass die Baukultur den Lebensraum der Menschen beeinflusse und Architektur ein zentrales Element der Kultur darstelle. Sie unterstützte
daher die Forderung nach einer ressortübergreifenden Architekturpolitik und sah den Bund aufgefordert, sich seiner architekturpolitischen Verantwortung nicht zu entziehen, wenn
auch klar sei, dass Länder und Gemeinden im Bauwesen
hauptsächlich zuständig seien. Muttonen mahnte die Vorbildwirkung des Bundes bei seinen Bauprojekten ein und verlangte die
Einsetzung eines Architekturrates sowie die Herausgabe eines jährlichen Berichts zur Lage der Architektur und Baukultur.

DI Reinhard Seiß (Verein URBAN) listete auf, was schlechte Architektur und schlechte Bauplanung dem Bund an Folgekosten verursache. Die Zersiedelung zwinge die öffentliche Hand, große Summen für Straßenbau sowie für Wasserver- und Abwasserentsorgung aufzuwenden. Zugleich werde der Bürger immer abhängiger vom Auto, die Städte immer unattraktiver und eine immer größere Zahl von Stadtbewohnern ziehen in die "Speckgürtel" rund um die Städte. Eine Fläche von der Größe Vorarlbergs sei bereits für den Straßenverkehr versiegelt. Täglich werden 7 bis 12 Quadratmeter pro Kopf verbaut. Bei der Co2-Reduktion nehme Österreich
innerhalb der EU die vorletzte Stelle ein, kritisierte Seiß.

Abgeordnete Gabriela Moser (G) schloss sich den Ausführungen
ihres Vorredners an und fügte hinzu, dass in Oberösterreich täglich eine Fläche von zwei Fußballfeldern verbaut werde. Ihre Kritik galt einer Raumplanung, die das Gebot der Nachhaltigkeit verletze. Mosers Forderungen galten einem höheren Qualitätsbewusstsein sowie der Ausbildung der Bürgermeister zur besseren Wahrnehmung ihrer Aufgaben als erste Bauinstanz,
außerdem erkundigte sich Moser nach der Zukunft der Wohnbauförderung.

Präsident DI Ortfried Friedreich (Kammer für Architekten und Ingenieurskonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland) unterstrich die Bedeutung einer hohen Qualität von Architekten-
und Ingenieurleistungen für die Gesellschaft, weil Architekten
und Ingenieure hohe Investitionen steuern und mit Gebäuden und Infrastruktureinrichtungen Bauwerke schaffen, die mehreren Generationen zur Verfügung stehen. Es entspreche daher gesellschaftlicher und kultureller Verantwortung, der
Architektur- und Ingenieurskunst die entsprechenden Rahmenbedingungen zu geben. Dazu gehören klug vorbereitete und korrekt durchgeführte Vergabeverfahren sowie die Geltung des Bestbieterprinzips.

Amtsführender Stadtrat DI Rudolf Schicker (Amt der Wiener Landesregierung und Österreichischer Städtebund) plädierte nachdrücklich für eine intensive Auseinandersetzung über architekturpolitische Fragen und machte dabei auf Erfahrungen aufmerksam, die Wien auf diesem Gebiet gemacht habe. Sein
Bundesland habe durch Wettbewerbe versucht, ein Höchstmaß an Transparenz und Breite zu gewinnen und dafür gemeinsam mit der Architektenkammer einen Leitfaden ausgearbeitet. Dazu kam die Bevorzugung junger Büros und das Bemühen um eine Erhöhung des Frauenanteils unter den ArchitektInnen. Für wichtig hielt
Schicker auch den internationalen Austausch, den Wien durch die Ausstellung "Stand der Dinge" fördere. Abschließend wandte sich der Stadtrat gegen die Absicht, die Wohnbauförderung zu
sistieren.

Abgeordneter Dr. Peter Sonnberger (V) berichtete von positiven Erfahrungen seiner Heimatstadt Linz mit der Einrichtung eines Beirates, der aus fünf ArchitektInnen zusammengesetzt sei, die
aus dem In- und Ausland kommen und dem mindestens eine Frau angehören müsse. Der Beirat tage sechsmal jährlich an zwei Tagen und habe hunderte Projekte begutachtet, die jeweils Auswirkungen
auf das Stadtbild haben. Die Qualität der Architektur in Linz sei durch die Arbeit dieses Beirates gestiegen, zeigte sich der Abgeordnete überzeugt.

DI Markus Spiegelfeld (Architekturbeirat und Staatssekretariat
für Kunst und Medien) hielt es für falsch, Baukultur nur unter finanziellen Gesichtspunkten zu diskutieren, da hochwertige Architektur einen Mehrwert für die gesamte Gesellschaft bedeute. Konkret wies Spiegelfeld darauf hin, dass Architektur ein
wichtiger Standortfaktor sei, der bedeutende Auswirkungen auf Gebiete wie Sicherheit, Fremdenverkehr und Umwelt habe. Er hoffe
auf eine Marketinginitiative für Architektur, die sich an eine breite Öffentlichkeit richtet, sowie auf die Einsetzung eines Architekturbeauftragten im Nationalrat.

Univ.-Prof. Dr. Martin Treberspurg (Universität für Bodenkultur Wien) machte darauf aufmerksam, wie viel Energie beim Bau und
beim Betrieb von Gebäuden verbraucht werde. Daher sei bei
Gebäuden sehr viel Co2 einzusparen, und zwar - im Unterschied zu anderen Gebieten des Energiesparens - mit äußerst positiven volkswirtschaftlichen Nebeneffekten. Die thermische Optimierung
von Gebäuden erhöhe die heimische Wertschöpfung, schaffe Arbeitsplätze und sorge für die Zeit vor, in der die fossilen Energieträger knapp werden. Treberspurg warnte davor, die österreichischen Co2-Reduktionsaufgaben zu vernachlässigen, weil dies hohe Strafzahlungen an die EU nach sich ziehen werde.

DI Dr. Jana Revedin (Amt der Kärntner Landesregierung) hielt das Gespräch zwischen Architekten und Politikern für wichtig, da
diese die Rahmenbedingungen für das Bauwesen festlegen können. Grundsätzlich meinte die Architekturlehrerin, dass man das Starsystem bei den Architekten nicht zu fördern brauche, weil
sich dieses selbst fördere. Man sollte vielmehr dafür sorgen,
dass junge Architekten die Möglichkeit bekommen,
Einfamilienhäuser zu bauen. Das Kammersystem kritisierte Revedin als ein "Rauswurfsystem", das der Teambildung von Architekten entgegenwirke sowie ihre Öffnung gegenüber anderen Disziplinen
und die Weiterbildung behindere. Junge Architekten sollten die Chance bekommen, in den zentralen Problemen des modernen Bauens,
bei der Gestaltung der Stadtzentren, im Tourismus, im Bereich des Wassers und bei den Zufahrten zu den Ballungsräumen tätig zu werden. Die Bürgermeister kleiner Gemeinden sah Revedin völlig überfordert, ihre architekturpolitischen Aufgaben wahrzunehmen.

DI Franz Neuwirth (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft
und Kultur) plädierte dafür, die Bemühungen um die Erhaltung des Bauerbes, also den Denkmal- und Landschaftsschutz in die
Diskussion über eine zeitgenössische Architektur einzubeziehen. Neuwirth sprach sich für eine interdisziplinäre Vorgangsweise
aus, wies auf die engen Zusammenhänge zwischen der Erhaltung des Weltkulturerbes und des Kulturtourismus hin, der mit
zweistelligen Wachstumsraten rechnen könne. Investitionen in die Denkmalpflege weisen einen Arbeitsplatzmultiplikator von 1:10
auf.

Abgeordneter Wolfgang Großruck (V) wandte sich gegen Schuldzuweisungen an Politiker und insbesondere an Bürgermeister, räumte aber ein, dass man die geltende Pro-Kopf-Zuteilung von Ertragsanteilen überdenken sollte, weil dies eine quantitativ ausgerichtete Ansiedelungspolitik der Gemeinden fördere. Als erfolgreich sah Großruck die Abhaltung von
Architektenwettbewerben an, wobei er festhielt, dass es sich
keine Gemeinde leisten könne, auf fachliche Beratung zu
verzichten. Hausaufgaben seien im Bereich der Bebauungspläne zu lösen, sagte Großruck und brach eine Lanze für die Förderung junger Architekten.

DI Cordula Loidl-Reisch setzte sich dafür ein, die Landschaftsgestaltung in Architekturprojekte stärker
einzubeziehen. Es sollte bewusst gemacht werden, dass auch Freiräume Lebensräume seien, die man nicht als "Restflächen" betrachten sollte, auf die man am Schluss noch rasch ein paar Sträucher pflanze. Zarte Ansätze in diese Richtung sah die Architektin in der Wiener Bauordnung. Landschaftsarchitekten
sollten in Bauprojekte einbezogen werden, die Freiflächen
enthalten und überdies sollte die Zahl der geschützten Parks erweitert werden, resümierte Loidl-Reisch. (Forts.)

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