"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der kommunikative Supergau des armen Alfred Gusenbauer" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 26.03.2004

Graz (OTS) - Alfred Gusenbauer befindet sich in einer paradoxen Lage: Es kann passieren, dass er heuer in allen Wahlen zulegt und dennoch das Jahresende politisch nicht überlebt. Das hat mit ihm zu tun, mit der Partei und mit der Fremdheit zwischen beiden. Die jüngsten Wehen machen sichtbar, wie brüchig Gusenbauers Rückhalt in der SPÖ ist. Er hat noch immer kein herzeigbares Team, das ihn stützt.

Strategisch hat der SP-Chef schlüssig und klarsichtig gehandelt. Gusenbauer hat erkannt, dass er, will er je eine Mehrheit erringen, die FPÖ-Wähler, die 2002 zu Hunderttausenden ins Schüssel-Lager emigrierten, von diesem loseisen muss. Und das geht halt schwer, wenn er diesen Wählern vom moralischen Hochsitz herab signalisiert, dass sie einem "Rechtsextremisten" hörig sind und zu unaufgeklärt, dies zu erkennen.

Diese Haltung ist taktisch ein Unfug, weil viele dieser Wähler durchaus SP-affin sind und sie ist inhaltlich ein Nonsens, weil Haider mit den alten Schablonen phänomenologisch längst nicht mehr festzumachen, geschweige denn zu bekämpfen ist. Vielleicht ist es bis zum Hochsitz hinauf noch nicht durchgedrungen, aber der Mann hat mit einem chemisch ideologiefreien Tombola-Wahlkampf gewonnen; wenn er mit rückwärtsgewandten Versatzstücken operiert hat, dann nicht mit nationalsozialistischen, sondern mit wohlfahrtssozialistischen (Geburtengeld, Pflegegeld etc.)

Bei den Wahlen in Oberösterreich und Salzburg hat die Rückeroberungsstrategie der SPÖ erstmals gegriffen. Die anfängliche Billigung des rot-blauen Paktes in Kärnten durch Gusenbauer folgte also durchaus einer inneren Logik. Doch dann kam sein kommunikativer Super-Gau: Eingeschüchtert durch illoyale Querschüsse verfiel Gusenbauer in ein heilloses Ja-Nein-Vielleicht-Sicher Nie und ruinierte vollends seine Autorität, als er sich auch noch öffentlich in Frage stellte.

Die Beschädigung dieses hoch veranlagten Politikers ist zu bedauern, zumal Gusenbauer die SPÖ glaubhaft aus den alten Lehrgebäuden heraus ins 21. Jahrhundert führen wollte. Insofern ist er auch ein "moderner" Politiker: Er begegnet Fragen von morgen nicht mit Antworten von gestern; das zeigte sich in bildungspolitischen Vorstößen ebenso wie in seinem Bekenntnis zur "solidarischen Hochleistungsgesellschaft". Und doch droht er zu scheitern:
Gusenbauer tut sich schwer, die SPÖ mitzunehmen und die SPÖ tut sich schwer, ihm zu folgen.

Das ist sein Problem und, wenn er nicht bald die Füße auf den Boden seiner Partei bekommt, auch sein Verhängnis. ****

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