Vom "tollwütigen Hund" zum hofierten Gastgeber im Zelt

"Presse"-Leitartikel vom 26.3.2004/von Anneliese Rohrer

Wien (OTS) - Der Begriff "historisch" war in den letzten Monaten
im Zusammenhang mit Libyen schnell abgegriffen: Vom "historischen" Kurswechsel Muammar Gadhafis bis zum "historischen" Besuch des britischen Premiers Tony Blair am Donnerstag in Tripolis. Vielleicht hat der Begriff aber seine Berechtigung, wenn man daran erinnert, dass Blairs Gastgeber im Zelt vor 20 Jahren im Weißen Haus in Washington als "tollwütiger Hund" galt.
Tollwut ist nicht heilbar. Der Rest ist Politik. Da mögen Kritiker noch so sehr am Zeitpunkt des britisch-libyschen Zelt-Gipfels herum mäkeln und mit dem Vorwurf der Geschmacklosigkeit einer direkten Reise von den Trauerfeierlichkeiten für 190 Terror-Opfer in Madrid zum früheren Terrorpaten sogar recht haben. Viel stärker ins Gewicht fällt aber, dass die Begleitumstände von Blairs Visite eine Reihe von Vorurteilen bestätigen, unter denen die Politik im Allgemeinen und jene in ölproduzierenden Ländern im Besonderen zu leiden haben: Wenn es um Geschäfte geht, wird Moral ein Luxus, den sich westliche Politiker nicht leisten wollen. So soll Shell-Oil bereits innerhalb der nächsten drei Tage neue Verträge mit Libyen unterschriftsreif haben; so sollen der britischen Rüstungsindustrie jede Menge Aufträge zu Waffenlieferungen winken.
Aber auch jene, die Blairs Versuch, einen dicken Schlussstrich in den Wüstensand zu ziehen, unterstützen, haben gute Argumente: Im Kampf gegen den internationalen Terrorismus muss jeder neue Verbündete recht sein. Gegen diese neue Art der globalen Bedrohung soll man die Schiffsladungen an Waffen, die Libyen der IRA in Nordirland lieferte, nicht mehr aufrechnen.
Und für das Lockerbie-Attentat zahlt Libyen ja Entschädigung, auch wenn Premier Schokri Ghanem erst vor vier Wochen wieder jede Beteiligung bestritten hat und anklingen ließ, dass man sich eigentlich nur den Weg zurück in die internationale Gemeinschaft erkaufen will. Die lahme Reaktion darauf - das US-Außenministerium verlangte lediglich eine Richtigstellung - zeigte deutlich, dass inzwischen ganz andere Faktoren an Bedeutung gewonnen haben: Libyen hat die Komponenten seines Waffen-Programms hergegeben; und den USA den Beweis für den illegalen Atom-Handel aus den Forschungslabors in Pakistan geliefert. Und Tripolis hat sowohl US-Präsident George W. Bush als auch Tony Blair in die Lage versetzt, seinen spektakulären Gesinnungswandel als direkte Konsequenz des umstrittenen Irak-Kriegs darzustellen. Ein Kleingeist, wer da Experten ernst nimmt, die nun behaupten, Gadhafi habe lange vor Ausbruch des Kampfs gegen den Terror und des Kriegs gegen den Irak, also Ende der 90er Jahre schon, die politische Kehrtwendung vollzogen.
Nur der aufmüpfige Kriegsgegner und Ex-Außenminister Großbritanniens, Robin Cook, mag sich die intellektuelle Redlichkeit leisten, auf den Mangel an Logik in der Irak-Libyen-Connection hinzuweisen; und es komisch finden, "dass wir eine Vereinbarung mit einem Land, das wir nicht erobert haben, das aber Massenvernichtungswaffen hatte, als Rechtfertigung für die Invasion in einem Land verwenden, das keine Massenvernichtungswaffen hatte". Cook sollte wissen: Der Rest ist eben Politik.
Und für diese ist es - nicht nur mit Blick auf die nächste Wahl, sondern tatsächlich - vordringlichste Aufgabe, den internationalen Terror zu stoppen. Blair fand, dies sei das Risiko eines Handschlags mit Gadhafi und den Versuch wert, ehemalige Terror-Staaten einzubinden. Nun müssen die USA nur noch dem Besuch ihres eigenen Abgesandten Richard Burns die Streichung Libyens von der Schwarzen Liste folgen lassen.
Dann wird man von Doppelmoral bald nichts mehr hören - und Gadhafi kann den Wahrheitsbeweis eines seiner Interviews im Jahr 1996 antreten: "Unschuldige und gute Menschen auf der ganzen Welt kennen und lieben mich". Das wäre dann auch die historisch größte Wandlung seit Saulus.

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