"Kleine Zeitung" Kommentar: "Krieg gegen den Terror?" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 21.03.2004

Graz (OTS) - Wenn sich in der kommenden Woche die Staats- und Regierungschefs der EU zu ihrem Gipfeltreffen einfinden, müssen sie feststellen, dass sie vom Ziel, das vereinte Europa zu einem "Raum der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts" zu machen, weit entfernt sind.

Die Bomben von Madrid haben das Gefühl der Sicherheit weggesprengt, dass der Terror anderswo seine blutige Spur zieht, nicht aber auf unserem Kontinent - in New York, auf Bali, in Djerba und Casablanca. Istanbul liegt zwar schon direkt vor den Toren Europas, doch verdrängte man die düsteren Gedanken bald wieder, weil man hoffte, der Terror habe sich "weit hinten in der Türkei" eingenistet.

Selbstbetrug und Trugschluss. Immer wahrscheinlicher ist, dass die Bomben in den Pendlerzügen nach Madrid von Islamisten gezündet wurden. Ob es Kommandos der El Kaida waren oder terroristische Lizenznehmer aus Nordafrika, ist zweitrangig. Es waren jedenfalls nicht die Anarchisten der ETA. Das Massaker war keine Angelegenheit zwischen Spanien und den Basken, sondern der Anschlag galt Europa.

Seit dem 11. März herrscht wieder hektische Aktivität, bisweilen auch nur publikumswirksamer Aktionismus. Die Innenminister der EU geloben, jene Maßnahmen, die sie eigentlich schon nach dem Attentat auf das World Trade Center vor zweieinhalb Jahren gemeinsam umsetzen hätten wollen, jetzt ernsthaft und schnell durchzuführen. Manche greifen auch auf die martialische Rhetorik des 11. September zurück und rufen zum "Krieg gegen den Terror" auf.

Gerade der Jahrestag des Irak-Kriegs macht uns bewusst, dass mit Panzern und Raketen der Terror nicht besiegt werden kann. Es stehen sich ja nicht Armeen gegenüber, die auf den Befehl zum Angriff warten.

Der Feind ist nicht zu fassen: Wenn Männer mit Bomben in den Rucksäcken Vorortezüge besteigen, Selbstmordattentäter bei Pop-Konzerten Handgranaten zünden oder Lieferwagen voll mit Sprengstoff im Stadtzentrum explodieren, kommt der Krieg gegen den Terror zu spät.

Es ist das falsche Bild, das da zu oft gemalt wird. Gegen den Terror hilft nur Wachsamkeit. Vorbeugen ist meist unbequem, manchmal auch lästig. Aber: Ist es wirklich ein Eingriff in die Menschenrechte, wenn in den Pässen nicht nur das Foto, sondern auch der Fingerabdruck aufscheinen? Oder ist gar der Rechtsstaat am Ende, wenn Plätze und Bahnhöfe mit Videokameras bestückt werden?

Sicherheit und Freiheit sind keine Gegensätze. Ohne Sicherheit keine Freiheit - beides bedingt einander.****

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