"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Vorhang vor dem Netzwerk in der Estag wurde weggezogen" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 18.03.2004

Graz (OTS) - Der mit Spannung erwartete Rohbericht des Rechnungshofes über die Estag ist ein Hammer. Nicht wegen pikanter Details über das süße Leben in der Vorstandsetage der "Energie Steiermark". Der 72 Seiten umfassende Bericht widmet den Spesen nur einige Fußnoten. Auch die zum "Palazzo Prozzo" umgebaute Konzernzentrale im Grazer Palais Herberstein wird mit all den Marmortreppen und Orientteppichen eher spöttisch als "optisch äußerst anspruchsvoll" gewürdigt.

Die Sprengkraft liegt darin, dass die Prüferin das System enthüllte, das in der Estag von einem Netzwerk einer Hand voll sehr Mächtiger errichtet und gesteuert wurde. Es wird zwar nirgendwo der Verdacht der Korruption erhoben, doch zieht sich wie ein roter Faden der Vorwurf durch den Bericht, dass die Energieholding schlechte Erträge erwirtschaftete, den Profit aber Berater und deren Freunde einstreiften.

Eine Goldgrube war die Estag wahrlich nicht. Die Umsatzrendite sank von 1999 bis 2002 von 12 auf 5 Prozent, die Dividende wurde zu 75 Prozent aus dem Eigenkapital bezahlt. Es wäre ertragreicher gewesen, hätte man den Einstiegspreis der französischen EdF auf ein Bankkonto gelegt.

Fit für die Börse, wie das Land als Eigentümer träumte, war die Estag wohl nicht. Das ist nur zum Teil auf den Preis- und Konkurrenzkampf im Zuge der Liberalisierung der Energiemärkte zurückzuführen. Viel schwerer wiegen die Fehler, die bis zur Gründung vor sechs Jahren zurückreichen.

Das vom Rechnungshof aufgelistete Sündenregister beginnt mit dem Versäumnis, keine interne Revision und kein funktionsfähiges Controlling aufgebaut zu haben. Es schimmert der Verdacht durch, dass der Vorstand und Aufsichtsrat gar kein Interesse daran hatten, weil die Geschicke der Estag ohnehin von einem Wirtschaftstreuhänder gelenkt wurden, der alles in einer Person war: Er fungierte als Geburtshelfer, erstellte das Unternehmenskonzept, beriet den Konzern, half bei der Bilanz und prüfte sie auch noch. Bezahlt wurde er wie ein Vorstand. Später stieg sogar noch die Gage. Ein fetter Batzen der Beraterhonorare von fast 25 Millionen Euro wird in seine Kanzleien geflossen sein.

Es liegt nicht an der Kleinheit des Landes, dass der Fädenzieher ein Freund des Wirtschaftslandesrates ist. Der Rechnungshof hat den Vorhang vor dem Filz weggezogen. Herbert Paierl wird dem Untersuchungsausschuss erklären müssen, warum er nichts gewusst und getan hat, obwohl Gerhard Hirschmann all dies aufgedeckt hat. ****

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