"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Armes Land" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 15. März 2004

Innsbruck (OTS) - Kardinal Franz König hinterlässt eine große Lücke in Österreich. Als moralische Instanz, als Gewissen für ein Land, das zusehends an Größe verliert, wird er fehlen. Bezeichnenderweise gilt das auch für jenen Bereich, aus dem er unendlich geschöpft hat: für Glaube und Kirche.
Politik und Katholische Kirche sind kaum mehr in der Lage, Brücken in der Bevölkerung zu schlagen, geschweige denn zu bauen. Unser Land wird immer ärmer, ist bereits arm an jenen geistigen und moralischen Autoritäten, wie sie Kardinal Franz König verkörpert hat. Kein Wunder, regiert in der Politik doch Beliebigkeit, büßte die Kirche nach der Ära König durch einen Richtungswechsel viel an Reputation ein. Plötzlich lieferte Kurt Krenn die konservative Show im Bischofsgewand. Erst langsam erholt sich der Klerus wieder von seiner gesellschaftlichen Isolation. Denn es war gerade die Stärke des Kirchenmannes König, Kommunikator zu sein (Bischof Manfred Scheuer) -nach innen wie nach außen.
Beinahe zeitgleich erfasste die Verhaiderung die österreichische Innenpolitik mit voller Wucht, und keine Partei wollte sich der politischen Polarisierung entziehen. Zuletzt wurde sogar "Speed kills" zum zentralen Inhalt, zur politischen Methodik. Versuchte der seinerzeitige Bundespräsident Rudolf Kirchschläger noch die Sümpfe trocken zu legen, wären Kurt Waldheim und jetzt Thomas Klestil dazu nie in der Lage gewesen. Klestil mahnt zwar, doch sein abgehobenes Amtsverständnis lassen seine Mahnungen einsam verhallen. Und weil beide das Private (Vergangenheit bzw. Ehe) zum öffentlichen Thema gemacht haben, nahm auch das Amt nachhaltigen Schaden.
Ausgestattet mit Toleranz und Weisheit war Kardinal Franz König eine unverrückbare Institution in Österreich, Eigenschaften die im öffentlichen Leben selten geworden sind. König bildete die moralische Klammer, unsere ständig inhomogener werdende Gesellschaft würde allerdings viele Könige benötigen.

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