Marcic-Preisträger ist Meister des Essays

W. Eisl überreichte Publizistik-Preis an Mag. Karl-Markus Gauß

Salzburg (OTS) Mag. Karl-Markus Gauß ist Träger des René-Marcic-Preises 2004. Mit Gauß werde ein Publizist und Herausgeber gewürdigt, der sich in seiner bisherigen schriftstellerischen Karriere zu einem Meister des literarischen Essays und zu einem bedeutenden Gegenwartschronisten entwickelt habe. Das betonte Landeshauptmann-Stellvertreter Wolfgang Eisl heute, Samstag, 13. März, bei der Verleihung des René-Marcic-Preises in der Salzburger Residenz in Vertretung von Landeshauptmann Dr. Franz Schausberger.
Der Preis, der als Auszeichnung für besondere publizistische Leistungen heuer zum 21. Mal vergeben wird, wurde 1979 als Zeichen der besonderen Wertschätzung für den 1971 bei einem Flugzeugabsturz gemeinsam mit seiner Gattin verunglückten Salzburger Rechtswissenschafter und Publizisten René Marcic ins Leben gerufen. Eine Grundvoraussetzung für die Vergabe des Preises sei der Bezug zu Salzburg, den der Gewürdigte haben sollte, so Eisl weiter. Karl-Markus Gauß habe diesen Bezug ohne Wenn und Aber. Gauß kam 1954 in der Stadt Salzburg als jüngstes von vier Kindern einer Familie zur Welt, die nach dem Krieg in Salzburg ein neues Zuhause gefunden hatte. Die Familie Gauß hatte ein Vertriebenenschicksal zu bewältigen, als Donauschwaben mussten die Eltern und Großeltern nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches die Wojwodina verlassen. Seine Eltern waren nie von Revanchismus erfüllt, sondern wollten sich in Salzburg integrieren und mit ihren Kindern ein Leben in Würde und Anstand führen.

Gauß studierte in Salzburg Germanistik und Geschichte. Er gehört nicht zu jenen Literaten, die immer wieder betonen, dass ihnen das Germanistik-Studium fast die Lust am Schreiben ausgetrieben habe. Er studierte als ein grenzenlos Wissbegieriger, machte sich mit den literarischen Traditionen und Techniken vertraut und teilte mit dem inzwischen auch sehr bekannten Schriftsteller Erich Hackl jahrelang eine Studentenwohnung. Gauß und Hackl konnten so alle Probleme der Literaturgeschichte und des Schreibens tief schürfend und lustvoll diskutieren.

Huemer: Moralist ohne Bedarf an Kampfgefährten

Der Wiener Journalist und Historiker Dr. Peter Huemer, der Gauß ausschließlich als Leser kennt, ging in seiner Laudatio der Frage nach, ob man Karl-Markus Gauß als Einzelkämpfer bezeichnen könne. Er habe den Eindruck, dass Gauß Kampfgefährten weder suche noch brauche. Die Ehrenloge des Einzelkämpfers sei der Gummizelle nicht unähnlich, weil - nach Gauß' eigenen Worten - "indem man ihm sein Einzelkämpfertum ständig bestätigt, reißt man ihn aus dem lebendigen Zusammenhang mit der Literatur seiner Zeit heraus." Gauß erfülle das Allerwichtigste eines Autors, nämlich, dass er schreiben kann. "Und wenn einer das so brillant kann, dann führt es dazu, dass wir das, was er uns hier bietet, nämlich Belehrung aus der Weltliteratur, nicht als belehrend empfinden, weil belehrt wollen wir bekanntlich nicht werden, sondern dass wir es mit Gewinn und Vergnügen lesen", so Huemer.

Huemer habe kein Problem damit, "den Schriftsteller Karl-Markus Gauß als "Moralisten" zu bezeichnen, und ich vermute, er selbst hat ebenfalls kein Problem damit, weil er sich um Fragen der herrschenden Mode in Kunst und Gesellschaft ohnehin nie sonderlich gekümmert hat -das heißt, er stellt die Moden wohl dar, hat sie aber nicht als Codex für eigenes Verhalten verinnerlicht". Er schildere Sachverhalte, weise auf die damit verbundenen ethischen und moralischen Probleme hin und überlasse die Antwort uns selber - wobei seine eigene Position höchstens durchschimmert, zuweilen auch seine Ratlosigkeit. Deshalb dürfe man sich von Karl-Markus Gauß allerdings nicht erwarten, dass er küchenfertige Gebrauchsanweisungen für das moralisch Richtige liefere. Wichtig sei ihm, Huemer, dass Gauß auch zu tagesaktuellen Fragen, wenn sie von grundsätzlicher Bedeutung sind, Stellung nimmt. Hier stehe aktive Zeitgenossenschaft durchaus nicht im Widerspruch zu jener viel zitierten Position des Einzelkämpfers.

Volles Risiko als Schriftsteller

Nach dem Studium kamen für Karl-Markus Gauß Jahre, in denen er auf volles Risiko das Leben eines kritischen und engagierten Schriftstellers führte, der sich nirgendwo andiente und deshalb lange auf Resonanz warten musste. In diesen Jahren war es seine Frau, die an ihn glaubte und keine Zweifel daran aufkommen ließ, dass er als Autor seinen Weg gehen werde.
Karl-Markus Gauß ging seinen Weg außerhalb Salzburgs. In den 80er Jahren kamen die ersten Veröffentlichungen in den großen deutschen Zeitungen, die seine essayistischen Texte mehr schätzten als es die Salzburger und Wiener Szene tat. Ab 1991 war er dann umsichtiger und zielstrebiger Herausgeber der Literaturzeitschrift "Literatur und Kritik". Als Gauß 1997 für sein erstes Buch "Das europäische Alphabet" den wichtigsten europäischen Essay-Preis erhielt - den "Prix Charles Veillon" - war das der Durchbruch zu einer breiteren öffentlichen Anerkennung. Gauß spürte mit diesem Werk auf ebenso kenntnisreiche wie polemische Weise den Worten und Begriffen nach, die das Gespräch über Europa bis zum heutigen Tag bestimmen.
Der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1998) und der Preis des österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln (2001) waren weitere Stationen der öffentlichen Würdigung. Gauß ist immer wieder aufgebrochen, um an den Rändern Europas bei den kleinen Völkern den kulturellen Reichtum aufzuspüren, der Europa ausmacht. So war er zusammen mit dem Fotografen Kurt Kaindl unterwegs zu den Sepharden von Sarajewo, zu den Gottscheer Deutschen und zu den Sorben. Zustande gekommen ist eine ganz eigenständige Reiseliteratur, eine hellwache Gegenwartsbeschreibung mit historischem Hintergrund -umfassend dokumentiert im dem Buch "Die sterbenden Europäer".

Gauß passt in keine Schublade

Ein Lesevergnügen und eine Ermutigung zum kritischen Denken sind seine ebenfalls im Zsolnay-Verlag erschienenen Jahresbücher "Von nah, von fern" und "Mit mir, ohne mich", in denen er Auskunft über seine Art des Lebens, Denkens und Argumentierens gibt. Genau deshalb ist Gauß in keine der üblichen literarischen Schubladen einzuordnen. Vor wenigen Wochen ist das jüngste Buch von Gauß mit dem Titel "Die Hundeesser von Svinia" erschienen. Svinia ist ein Ort in der Ostslowakei, einer Gegend, die noch heuer zur erweiterten Europäischen Union gehören wird.

In Svinia hat Gauß mit den Augen des Westeuropäers, aber auch mit seiner Erfahrung als Chronist der Völker am Rande Europas das Schicksal der Roma ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. In einer Mischung aus sensibler Erzählung und kulturwissenschaftlichem Feuilleton zollt er einer gebrandmarkten Minderheit Respekt. Dem Buch ist vor drei Wochen zusätzliche Aufmerksamkeit sicher gewesen, als die ersten Meldungen über das Aufflammen sozialer Unruhen in den slowakischen Roma-Gebieten in den Westen gelangten. Gauß wurde zum gefragten Interview-Partner in allen wichtigen Medien.

Sensibilisiert durch die eigene Familiengeschichte, recherchiert Gauß derzeit bereits für sein nächstes Buch. Es wird den in ganz Europa und Amerika verbreiteten deutschstämmigen Volksgruppen gewidmet sein. Gauß möchte - wiederum zusammen mit Kurt Kaindl - herausfinden, was heute bei den etwa in Litauen oder in Bessarabien lebenden Volksgruppen noch das kulturelle Deutschtum ausmacht.
Von seinen weiten Reisen und ethnologischen Erkundungen kehrt Gauß gerne wieder nach Salzburg zurück. Er ist davon überzeugt, dass man auch als weltoffen orientierter Intellektueller dort leben kann, wo man aufgewachsen ist. Das ist bei Gauß die Stadt Salzburg, die er aus kritischer Distanz liebevoll betrachtet.

Preis zu Ehren eines bemerkenswerten Journalisten

Der René-Marcic-Preis erinnert an einen Journalisten und Rechtsgelehrten, der 1945 von Wien nach Salzburg kam, in die Redaktion der Salzburger Nachrichten eintrat und dort 18 Jahre lang das Erscheinungsbild des österreichischen Nachkriegs-Journalismus mitbestimmte. René Marcic leistete als Publizist bemerkenswerte Beiträge zur österreichischen Innenpolitik, zu allen Fragen des Staatslebens, der Rechtsphilosophie und der Allgemeinen Staatslehre. Er war davon überzeugt, dass Journalisten über das Tagesgeschäft hinaus imstande sein müssen, Verantwortung bei der Vermittlung eines tieferen und belastungsfähigen Verständnisses von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu tragen. Auch der Schutz der Privatsphäre war ihm ein besonderes Anliegen.

Franz Neumayr wird für das Landespressebüro den Redaktionen Fotos von der Überreichung des René-Marcic-Preises an Karl-Markus Gauß anbieten.

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