"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Geister, die Schröder rief, wird er nun nicht mehr los" (Von Birgit Baumann)

Ausgabe vom 11.3.2004

Graz (OTS) - Dem deutschen Kanzler missfällt negative Berichterstattung.

Es war einmal ein deutscher Kanzler, der lud gerne Journalisten ein. Er ließ sich bereitwillig mit seiner Frau im Urlaub fotografieren, mit seinen Cousinen aus dem Osten, in einem edlen Brioni-Anzug und auch, als er durch das Jahrhundert-Hochwasser stapfte durften Fotografen gerne mitkommen.

Mittlerweile ist das Verhältnis zwischen Gerhard Schröder und Journalisten auf einem Tiefpunkt angelangt. Sogar die Bundespressekonferenz, die mehr als 900 Journalisten in Berlin vertritt, hat gegen seine Medienpolitik Protest erhoben. Er gibt der Bild-Zeitung keine Interviews mehr, weil deren Berichterstattung nicht in seinem Sinne ist. Allzu kritische Journalisten haben plötzlich bei Auslandsreisen keinen Platz mehr im Flugzeug des Regierungschefs.

Der deutsche Kanzler ist empfindlich geworden. Gelegentlich ist sein Groll ja nachvollziehbar. Längst gibt es auch in Deutschland jene Boulevardisierung und Personalisierung der Politik, die in Großbritannien Usus ist. Und es ist wirklich nicht einzusehen, dass Reporter versuchen, Schröders minderjähriger Stieftochter vor der Schule aufzulauern.

Doch jene Journalisten, um die sich der aktuelle Streit dreht, haben nichts derartiges getan. Sie berichten über Schröders Politik -allerdings sehr kritisch. Das missfällt Schröder. Anstatt Contenance zu wahren, wehrt er sich und macht alles noch schlimmer. Denn ein Kanzler, der Medien als Sündenbock für schlechte Umfragewerte und Niederlagen bei Wahlen hinzustellen versucht, ist nicht souverän.

Zudem reagieren nicht nur Journalisten, sondern auch Leserinnen und Leser einer Zeitung, schon bei allerersten Anzeichen von Einschränkung der Pressefreiheit sehr sensibel. Unverständlich ist auch, dass Schröder nun ausgerechnet gegen jene kämpft, die er rief, um Kanzler zu werden. Schröder hat sich auf seinem Weg zur Macht hemmungslos der Medien bedient, ist sogar in "Wetten, dass...? auf der Couch gesessen.

Immer haben seine Berater dafür gesorgt, dass der Chef - im wahrsten Sinne des Wortes - gut ins Bild gerückt wird. Zur Zeit versucht es sein Sprecher Bela Anda - ein ehemaliger Bild-Journalist, was nicht einer gewisen Ironie entbehrt. Übrigens hat auch Schröders Frau Doris früher für die Bild-Zeitung geschrieben.

Und es ist einfach nicht wahr, dass Schröder in den Medien nur geprügelt wird. Auch Boulevard-Blätter haben seine Steuerreform sehr gelobt. Aber jetzt, da der Wind rauer weht, hat der Kanzler das offenbar vergessen. ****

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