"Die Presse": Kommentar: "Politiker sein dagegen sehr" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 11.3.04

Wien (OTS) - Darf ein Politiker weinen? Das ist die derzeit meistdiskutierte Frage. Irgendwie hat es sehr merkwürdig berührt, als Franz Schausberger den Schmerz ob seiner Niederlage emotional -vielleicht auch: larmoyant - zeigte.
Nur: Sind wir da nicht ein bisschen heuchlerisch? Predigt nicht eine zeitgeistige Psychologie und erst recht der Feminismus den Männern, wie falsch es ist, dass sie ihren Schmerz nicht offen zeigen? Dass sie alle - angeblich - nach dem verdränglerischen Motto aufgezogen worden sind: Ein Bub weint nicht.
Aber zumindest bei Politikern wollen wir es dann doch nicht hinnehmen, wenn sie wirklich einmal weinen. Irgendwie gehen wir von der seltsamen Fiktion aus, dass einer, der Macht hat, über-mächtige Eigenschaften haben muss. Wenn er sie dann doch nicht hat, starten wir die übliche Politikerbeschimpfung.
Die etwas utopischen Anforderungen an Politiker merkt derzeit auch ein Franz Fiedler. Er war bis vor wenigen Tagen gleich in zwei prestigereichen Funktionen außerhalb jeder Kritik. Obwohl seine Leistungen beim Verfassungskonvent endenwollend sind. Und obwohl man bei Rechnungshofberichten das Gefühl hat, dass sie den wirklich schwierigen Zielkonflikten eher aus dem Weg gehen und lieber kleinlich Erbsen zählen.
Und nun ist Fiedler über Nacht nicht mehr tabu. Er kann nicht mehr unkritisiert über die angebliche Unterstützung seiner Kandidaturpläne durch Minister schwadronieren, wenn es keine solchen gibt; er wird anrüchig, wenn ein amtierender Rechnungshofpräsident geheime Gespräche mit möglicherweise dubiosen Financiers führt; er kann auch nicht ungestraft ein "News" zum Hauptvehikel seiner Ambitionen machen.
Vielleicht sind wir zu hart zu unseren Politikern. Jedenfalls aber ist es der härteste Job, den unser System bietet.

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