"Die Presse" Glosse: "Eine staatliche Doppelnatur" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 10.3.2004

Wien (OTS) - Österreich erinnert an jene großen, aber widerspruchsvollen Naturen, die uns zuweilen begegnen, und in denen die grellen Gegensätze im engen Rahmen der menschlichen Seele faszinierend wirken. Solche Charaktere ziehen uns an, indem sie uns gleichzeitig abstoßen, und üben auf den aufmerksamen Beobachter fast eine dämonische Gewalt aus, während sie den flüchtigen Beschauer, je nach der ihm zugewandten dunklen oder hellen Seite, mit Abscheu oder mit Bewunderung erfüllen. Eine staatliche Doppelnatur dieser Art ist Österreich."
Nicht übel analysiert: Das ist Österreich nach dem "Supersonntag". Die menschliche Seele, die der Autor anspricht, ist unschwer als die des Kärntner Landeshauptmannes zu erkennen: Vor wenigen Wochen hieß es, Jörg Haider sei erledigt, jetzt feiert man ihn auf Magazin-Titelseiten als "unbesiegbar". Einmal erscheint er als Dämon, dann als strahlender Held.
Die Analyse erscheint umso brillanter, als der Text jetzt auch schon wieder 135 Jahre alt ist. Adolf Fischhof schrieb ihn 1869 mit Blick auf die politischen Verhältnisse in der Donaumonarchie.
Das Erbe des alten Österreich lebt noch, und sei es nur im gestörten Verhältnis zur Proportion. Gewiss, dass 0,4 Prozent Zugewinn ein Triumph (FPÖ Kärnten) und 0,9 Prozent Verlust (ÖVP Salzburg) eine Katastrophe sind, ergibt sich aus der Einordnung in Erwartungen und Vergleiche. Es zeigt aber auch einen gewissen Hang zur politischen Hyperventilation.

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