"Es gibt keine muslimische oder christliche EDV"

Wien (OTS) - Beim Schülertalk zum Thema "Wie viel Platz haben religiöse Symbole im Klassenzimmer?" diskutierten 450 SchülerInnen mit ExpertInnen religiöser Einrichtungen, dem Bildungsbereich sowie der Universität Wien.

Wie wichtig sind Jugendlichen religiöse Symbole? Dürfen LehrerInnen Kopftücher tragen? Welche Maßnahmen werden gesetzt, um Jugendlichen Religion näher zu bringen? Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt des achten Schülertalks, der am Donnerstag, dem 4. 3. 2004, im Siemens Forum Wien stattfand. Die geladenen ExpertInnen Carla Amina Baghajati, Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, OKR Dr. Michael Bünker, Oberkirchenrat der evangelischen Kirche Österreichs, Mag. Dr. Michael Jahn, Direktor des BORG I Hegelgasse 12 in Wien, HR Mag. Dr. Christine Mann, Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung sowie Univ. Prof. DDr. Heinz Mayer, Verfassungsrechtler am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien, stellten sich den zahlreichen, durchaus auch kritischen Fragen der SchülerInnen. Die Diskussion wurde von Isabella Hager und Emanuel Mauthe, Mitarbeiter des SchülerStandard, moderiert. Der große Ansturm - 450 Jugendliche stellten sich mit ihren Fragen ein - zeigt, dass das Thema auch Österreichs Jugendliche sehr beschäftigt. Das Resümee zieht Isabella Hager, Moderatorin vom SchülerStandard: "Die Diskussion war fair und intensiv. Es hat keine 'Entgleisungen' gegeben, wie man es bei einem so brisanten Thema befürchten könnte."

Entscheidend ist, was im Kopf ist - und nicht, was auf ihm ist

Die Eingangsfrage, welche Rolle der österreichische Staat hinsichtlich Religionsausübung einnehme, beantwortet Mayer mit dem Hinweis auf Artikel 9 der Menschenrechtskonvention, der jedem Menschen das Recht auf freie Religionsausübung gewähre. Mayer weiter:
"Der Staat muss dafür sorgen, dass die Menschen, die eine Religion ausüben wollen, das in einem Klima geistiger Toleranz tun können." Daran anknüpfend betont Bünker, dass Religion nicht nur ein Menschenrecht sei, sondern zum Menschsein dazugehöre. Insofern sieht er auch kein Problem darin, wenn LehrerInnen religiöse Symbole während des Unterrichts tragen. "Warum sollte eine EDV-Lehrerin kein Kopftuch tragen? Es gibt entweder funktionierende EDV oder nicht, aber keine muslimische oder christliche," so Bünker. Und Baghajati stellt zur Kopftuchdebatte klar: "Entscheidend ist, was im Kopf ist, und nicht, was auf ihm ist."

Der Schüler Cagdas Cinkilic (18 J.) lehnt das Tragen von religiösen Symbolen von LehrerInnen ab, um keiner Beeinflussung ausgesetzt zu sein. "In öffentlichen, höheren Ämtern würde ich das Kopftuch aber nicht abschaffen, jedoch prüfen, ob nicht ein Zwang dahinter steckt." In Reaktion darauf betont Baghajati, dass das Kopftuch Teil des Glaubens sei und jede Frau selbst entscheiden dürfe, ob sie es trage oder nicht. Sie weist darauf hin, dass jeder und jede in Österreich in einer pluralistischen Gesellschaft mit unterschiedlichen Religionsbekenntnissen lebe. Betreffend eine Beschäftigung mit dem Islam wünscht sie sich, "dass man mehr zwischen Religion und Tradition unterscheidet." Alle Podiumsgäste stimmen überein, dass die Situation in Österreich eine andere ist als in Frankreich und betonen die größere Toleranz in Österreich hinsichtlich der Religionsausübung.

Religion - Ethik

Die Frage, wie allen Jugendlichen Religion besser nahe gebracht werden kann, wird von den Jugendlichen selbst in die Diskussion eingebracht. Dazu verweist Jahn auf den Schulversuch "Kulturkunde-Ethik-Religionen" des BORG Hegelgasse 12, 1010 Wien, der allen nicht am Religionsunterricht teilnehmenden SchülerInnen angeboten wird. "Das Ziel ist die Vermittlung des 'Guten, Wahren und Schönen', sprich der Werte und Wichtigkeiten im Leben - ohne konfessionelle Brille", so Jahn. Zum Kreuz im Klassenzimmer fordert Mann - die sich mehrfach zur vorbildlich konstruktiven-liberalen Lösung in Österreichs Recht und Praxis bekennt, die Religion nicht auszugrenzen, sondern in die Schule als Bestandteil des Lebens hineinzunehmen - zur Differenzierung auf: "Das Kreuz ist sowohl Zeichen der europäischen Kultur als auch des persönlichen religiösen Bekenntnisses. Aus diesem Grund muss es dafür in den Schulen Platz geben."

Schülerradio 1476

Der Schülertalk wird auch im Schülerradio 1476 zu hören sein. Schülerradio 1476 ist das Radioprojekt der Abteilung Medienpädagogik des Bildungsministeriums in Zusammenarbeit mit Standard, ORF, KulturKontakt Austria und Siemens Forum Wien, "um SchülerInnen die aktiv-kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Radio zu ermöglichen, so Susanne Krucsay, Abteilung Medienpädagogik des BMBWK. Die Sendung wird am 9.3.2004 und 10.3.2004 jeweils von 19:30h -20.00h auf ORF-Mittelwelle 1476 ausgestrahlt. Live-Stream unter http://www.schuelerradio1476.at

Jugendrelevante Themen

Die ÖKS-Kultur Service GmbH zeichnet seit Oktober 2003 für die Organisation und Pressearbeit der Schülertalks verantwortlich. Der Schülertalk ist eine Veranstaltung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Kooperation mit dem Siemens Forum Wien, dem Standard, dem ÖKS Österreichischen Kultur-Service und dem Schülerradio 1476. Die Schülertalks werden in regelmäßigen Abständen zu jugendrelevanten und aktuellen Themen veranstaltet. "Die Themen für die Schülertalks werden gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt. Uns ist es wichtig, dass das Thema wirklich von Interesse ist. Denn die SchülerInnen stehen beim Schülertalk im Mittelpunkt. Sie sollen sich aktiv an der Podiumsdiskussion beteiligen, damit eine spannende und lebendige Diskussion entsteht. Kritische Fragen sind erwünscht," so Ursula Hilmar, Geschäftsführerin der ÖKS-Kultur Service GmbH.

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