Rede von Bundespräsident Klestil anl. des Staatsbanketts gegeben von Bundespräsident Johannes Rau im Schloß Bellevue am 8. März 2004

Wien (OTS) - Sperrfrist: 8. März 2004, 17.00 Uhr!
Es gilt das gesprochene Wort !!

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
verehrte Frau Rau,
meine Damen und Herren!

Mit großer Freude haben meine Frau und ich die Einladung zu meinem zweiten Staatsbesuch in Deutschland angenommen. 1993 begrüßte mich Bundespräsident Richard von Weizäcker noch in Bonn, heute haben Sie mir in der alten-neuen Hauptstadt Berlin ein eindrucksvolles "Willkommen" gesagt - in dieser großartigen Metropole, die wie keine andere auf unserem Kontinent die Tragödie - aber auch die Neugeburt -Europas widerspiegelt. Lassen Sie mich daher vorweg sagen:
Herzlichen Glückwunsch zu allem, was hier in Berlin geleistet wurde, was exemplarisch Neues entstanden ist, was aber auch neu belebt und beseelt wurde - wie etwa dieses wundervolle Schloss!

Für Ihre so freundlichen Worte der Begrüssung , denen ich auch die außerordentliche Wertschätzung für mein Land, die Republik Österreich entnehme ,danke ich Ihnen Herr Bundespräsident, sehr herzlich.

Deutsche und Österreicher verbinden ja nicht nur geographische Nähe und Nachbarschaft, nicht nur die gleiche Sprache und die historischen

Verbindungslinien ---sondern heute mehr denn je auch Verantwortung für Europa: Und zwar für das ganze Europa! Nach den Katastrophen zweier Weltkriege - die für uns in Wahrheit europäische

Bürgerkriege waren - hat Deutschland nach 1945 den Weg der kompromisslosen Aussöhnung gewählt und die europäische Integration von Anfang an engagiert mitgetragen. Es hat Erbfeindschaften überwunden und Brücken nach West und Ost geschlagen. Vor allem aber haben die Menschen Ihres Landes nie die Teilung Deutschlands - und damit die Teilung Europas - hingenommen.

Österreich wiederum war und ist vor allem Brücke der europäischen Mitte zum Süden; denn über unsere Alpen verlaufen wichtige Lebenslinien Europas zum Mittelmeerraum. Ebenso war Österreich stets das Tor zum Donauraum und zum Südosten Europas. Und so mag es auch eine gewisse Symbolik haben, dass wir Österreicher im Schicksalsjahr 1989 Bürgern der DDR an der österreichisch-ungarischen Grenze zur Massenflucht verholfen haben: Dies geschah Monate vor dem Mauerfall -und es war der Anfang vom Ende der Teilung Deutschlands, ja Europas, wie wir heute wissen.

15 Jahre danach ist der Schrecken des Eisernen Vorhanges verschwunden. Und wir können heute mit Freude feststellen: Die jungen Demokratien zwischen Ostsee und Adria haben ihre ersten großen Belastungsproben glänzend bestanden. Deutschland und Österreich sind freilich auch weiterhin verpflichtet, ihnen angesichts der geographischen Nähe und historischen Vernetzung partnerschaftlich zu begegnen.

Meine Damen und Herren!

Der Herr Bundespräsident hat auf die eindrucksvolle Dichte der deutsch-österreichischen Beziehungen hingewiesen. Und diese sind in der Tat etwas Außergewöhnliches. Aber so nahe wir uns in Sprache -und daher Literatur - in Lebensart und Rechtskultur sind, so sehr gilt es auch, bei unseren bilateralen Beziehungen die "Vielfalt in der Einheit" zu sehen - denn damit dienen wir am besten dem Geist Europas.

Das aber macht auch unsere Beziehungen auf der Basis der Gleichberechtigung so stabil und freundschaftlich - Beziehungen, die sich auf dem festen Boden einer vertrauensvollen Zusammenarbeit in Politik, Wirtschaft und Kultur weiterentwickeln und vor dem Hintergrund der globalen und europapolitischen Veränderungen an Bedeutung zunehmen.

Meine Damen und Herren!

Die Europäische Union - deren Gründungsmitglied Deutschland ist und

in der Österreich seit bald zehn Jahren aktiv mitarbeitet - wird am 1. Mai zehn neue Staaten aufnehmen, von denen die Mehrheit in enger geographischer und historischer Beziehung zu unseren beiden Ländern steht. Es ist bereits jetzt unbestritten, dass niemand so sehr von der Erweiterung betroffen sein wird- aber auch Vorteil daraus ziehen wird - wie Österreich und Deutschland. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass Europa keineswegs an den Außengrenzen der erweiterten Union endet. Es muss daher unser Anliegen sein, den vielen Menschen im Osten und Südosten unseres Kontinents selbst dann eine europäische Perspektive zu geben, wenn für sie die EU noch in weiter Ferne liegen mag. Diesem Sinn und Zweck dienen auch die Zentraleuropäischen Präsidententreffen, an denen Sie, Herr Bundespräsident, mehrmals teilgenommen haben.

Nun bringt die Erweiterung der Europäischen Union auch für uns neue Herausforderungen. Wir müssen einerseits die Sorgen der Bürger bei uns zu Hause ernst nehmen - und andererseits alle an einem Strang ziehen, damit die Union mehr Durchsetzungsvermögen in ihrem internationalen Auftreten finden kann. Ein erfolgreicher Abschluss der Verhandlungen über eine europäische Verfassung muss diesen Umständen Rechnung tragen. Und es gilt vor allem im erweiterten Europa, neue Trennlinien zu vermeiden.

Herr Bundespräsident!

Wenn ich an unser beider Kindheit und Jugend zurückdenke, an den mörderischen Krieg, die entbehrungsreiche Nachkriegszeit, an den bedrohlichen Kalten Krieg und an das, was die Generation unserer Eltern geschaffen hat - dann kann ich nur mit Dankbarkeit feststellen: Wir leben heute in der Mitte Europas in der längsten Friedensperiode unserer mehr als tausendjährigen Geschichte; und wir konnten Wohlstand und soziale Sicherheit für alle erreichbar machen. Damit gehört es aber auch zu unserer Verantwortung, einen Beitrag zur Schaffung einer friedlichen und gerechten Weltordnung zu leisten.

Nun werden wir beide - Herr Bundespräsident - in wenigen Wochen aus dem Amt scheiden; aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Kontinuität das wesentlichste Element der deutsch-österreichischen Freundschaft ist. Denn diese gründet auf gemeinsamen Werten, die sich aus unseren historischen Erfahrungen entwickelt haben - und diese Werte sind tragfähig, unabhängig von Personen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, soziale Verantwortung, Freiheit für Kunst und Wissenschaft.

So erhebe ich mein Glas auf Ihr Wohl, Herr Bundespräsident, und das Ihrer Frau Gemahlin, auf unsere Freundschaft und gute Nachbarschaft -sowie auf das Wohl unseres gemeinsamen Europa!

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