"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Alles offene Rennen" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 6. März 2004

Innsbruck (OTS) - Auch das ist eben Demokratie: Vor dem ersten Wahlsonntag des Superwahljahres 2004 ist nahezu alles offen, kaum mehr etwas sicher berechenbar und vieles möglich. Das Wahlverhalten ändert sich schneller, als die Politik lernen kann.
Das ist einer der Gründe, warum die Nerven derzeit etwas blank liegen.
Die Landeshauptleute Schausberger und Haider gehen in Salzburg und in Kärnten zwar als Titelverteidiger in das Rennen. Aber weder sie noch ihre Herausforderer können sich eines Sieges sicher sein.
Die Almosenaktion von Schausberger und Haider für die Bezieher niedriger Pensionen belegt, wie groß die Ratlosigkeit ist. In der gegenwärtig etwas überhitzten politischen Debatte wurde aus drei Wurstsemmeln eine ökonomische Kategorie zur Abwägung sozialer Gerechtigkeit, nachdem eine ÖVP-Jungpolitikerin stolz aber unbedacht deren Preis mit dem Pensionsausgleich verglich. Und in Salzburg entschuldigte sich die SPÖ-Spitzenkandidatin, weil sie gemeint hatte, für eine Koalition mit den Grünen nicht verrückt genug zu sein. Ihre Selbstbezichtigung nahm Formen an, wie sie von japanischen Managern bekannt sind, die ihre Bank ruiniert haben. In diesem oberflächlichen, von Politikern und Medien veranstalteten Tohuwabohu fallen die fürstliche Attitüde eines Schausberger und ein im Rennfahreranzug Zuckerln und Scherze verteilender Haider nicht mehr auf. Beide wirken übrigens etwas allein und ziemlich verbraucht, was nicht nur mit dem Ausnahmezustand Wahlkampf zu tun hat sondern vielmehr mit der Unterlassung einer ruhigen, beharrlichen und an Themen sowie Bürgern vor Ort orientierten Politik.
Die Wählerschaft macht sich ihren Reim darauf, ist in den letzten Jahren je nach Wahlgang sprung- und wechselhaft wie nie zuvor. Nicht nur im Kaufhaus, auch an der Urne ist man heute kritischer Konsument. Mit der zunehmenden Unberechenbarkeit des Wahlverhaltens steigt die Verwirrung in der politischen Klasse. Deren Personal pendelt zwischen den weit auseinander liegenden Polen Arroganz und Anbiederung, Macht und Bescheidenheit, Kaltschnäuzigkeit und Mildtätigkeit. Sich von solchen Politikern ein klares Bild zu machen, fällt schwer. Daher erfahren diese Politiker erst am Wahltag, was man von ihnen hält. Das ist spät, für manche Kandidaten zu spät.

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