"Kleine Zeitung" Kommentar: "Elend und Anarchie sind Haitis Gegenwart und seine Zukunft" (von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 02.03.2004

Graz (OTS) - Haitis Präsident Jean-Bertrand Aristide ist ins Ausland geflüchtet. Das ist die gute Nachricht. Denn wäre er geblieben, hätten die Rebellen in der Hauptstadt Port-au-Prince wohl ein Massaker verübt. Die schlechte Nachricht: Mit seiner Flucht ist noch kein Ende der Gewalt in Haiti garantiert. Denn dass nun mit dem Segen der UNO amerikanische und französische Soldaten in dem Karibik-Staat gelandet sind, heißt noch lange nicht, dass Recht und Ordnung in Haiti Einzug halten.

US-Präsident George W. Bush hat recht lange gezögert, ehe er Jean-Bertrand Aristide fallen ließ und US-Soldaten nach Haiti in Marsch setzte.

Schließlich haben die Amerikaner in Afghanistan mehr Probleme, als ihnen lieb ist, und das ehrgeizige Unterfangen, den Irak zu einem Vorzeigemodell indirekter amerikanischer Herrschaft zu gestalten, erweist sich als erheblich kräfteraubender als erwartet.

Auch steht außer Zweifel, dass Aristide ein gewähltes Staatsoberhaupt ist - noch dazu eines, das als ein Hoffnungsträger, als eine Art Nelson Mandela der Karibik, gegolten hat. Und als solcher hat der frühere Salesianer-Pater nach wie vor viele Anhänger auch unter den Afro-Amerikanern, die im derzeitigen US-Wahlkampf eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Aber George Bush blieb keine andere Wahl, als Aristide ins Exil zu zwingen und US-Soldaten nach Haiti zu entsenden. Denn die Insel Hispaniola, deren westlichen Teil Haiti bildet - im Ostteil liegt die auch bei österreichischen Touristen beliebte Dominikanische Republik - ist nur wenige hundert Meilen vor der US-Küste entfernt.

Groß ist daher die Angst der Amerikaner, dass Haiti ohne jegliche staatliche Ordnung zu einem Korridor des Drogenschmuggels in Richtung USA werden könnte und dass sich von dort aus ein gewaltiger Flüchtlingsstrom in Bewegung setzt, werden Chaos und Anarchie nicht rasch gestoppt.

Also hat der große Imperator Bush mit dem Daumen nach unten gezeigt -und Aristides Schicksal besiegelt. Haiti erlebt damit den 33. Umsturz in seiner 200-jährigen, von Tyrannen geprägten Geschichte. Jean-Bertrand Aristide war die Hoffnung auf Veränderung im ärmsten Staat der westlichen Hemisphäre. Aber auch er hat wie all seine Vorgänger ein korruptes Regime mit Miss- und Vetternwirtschaft etabliert.

Mit seiner Flucht ist die Hoffnung für Millionen Menschen einmal mehr gestorben. Haiti hat keine Führerpersönlichkeit. Es hat bloß einen weiteren Despoten im Exil, es hat darbende Massen - und es hat eine Zukunft in Elend und Anarchie. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001