DER STANDARD-Kommentar "Neue Spielregeln gesucht" von Claus Philipp

Die Belanglosigkeit der Oscar-Galas hat mittlerweile einen kritischen Punkt erreicht. DER STANDARD v. 2.3.2004

Wien (OTS) - Was tut man mit einer Stargala zur Hauptsendezeit, deren Aufwand ohne Vergleich ist, während die Dramaturgie mittlerweile sehr zu wünschen übrig lässt?

Wie geht man mit einem "Wettbewerb" um Preise um, dessen Sieger -Abstimmungen von Juroren hin oder her - längst festzustehen scheint (weswegen das Publikum und die Medien leicht abzulenken sind, etwa weil sie sich lieber um einen neuen, umstrittenen Jesus-Film kümmern)?

Oder: Wie vermittelt man weiters den Menschen eine Hoffnung auf unterhaltsame "Überraschungen", wenn man gleichzeitig mit kleinen oder größeren Vorsichts-, ja Zensurmaßnahmen jede unlieb^same Überraschung (politische Kritik, nackte Körperteile) zu verhindern sucht?

Fragen über Fragen. Im Vorfeld der diesjährigen Oscar-Gala soll beträchtlich Unruhe geherrscht haben, als klar wurde: Langsam, aber sicher verfällt diese Entertainment^institution möglicherweise in eine Form- und Sinnkrise - durchaus vergleichbar mit der des Eurovisions Song Contests. Alle rufen derzeit "Jesus!" oder "Mel Gibson!", weil die meisten den Herrn der Ringe schon längst und vielleicht sogar x-mal gesehen haben. Warum also noch einmal Dankesreden aus Mittelerde? Die Begeisterungsspannen werden immer kürzer. Da ist es dann auch schon egal, ob

Steven Spielberg oder Tom Cruise oder Julia Roberts den großen Preis verleiht. Nachher gibt’s wieder eine Werbepause. Weiter im Programm! Jede plakative MTV-Gala ist mittlerweile unterhaltsamer.

Nicht dass irgendjemand jemals gedacht hätte, die Oscars wären über die reale Ermöglichung höherer Einspielergebnisse hinaus von cineastischem Belang. Und gerade in den letzten Jahren betonten sogar die Oscar-Dramaturgen selbst, dass es sich bei dieser Gala bestenfalls um einen glamourösen Themenabend handelt - egal, ob dieser nun unter einem wohlmeinenden Motto wie "Stars gegen Aids" oder "Gerechtigkeit für Afroamerikaner" steht. Kein Mensch würde jemals vermuten, dass elf Oscars für ein "Meisterwerk" bedeuten, dass dieses "Meisterwerk" meisterlicher als jenes wäre, das im Vorjahr nur sechs Awards erhielt. Oder?

Nein. Die Oscar-Verleihung, sie ist ein Gesellschaftsspiel wie die Punktevergabe^zeremonien beim Song Contest, aber als solches sagt sie - gerade wenn sie nicht mehr wirklich "funktioniert" - sehr viel über die Gesellschaft aus, für die da gespielt wird.

Diese Gesellschaft sucht gegenwärtig offenbar derart inständig nach Orientierungshilfen, dass sie sogar unter^titeltes Aramäisch in Kauf nimmt, wenn ihr solche Hilfen versprochen werden - auch wenn dabei alle in die Irre laufen mögen: Beim Oscar hingegen sind offen ausgetragene Wertedebatten (auch im In^teresse der Produzenten) prinzipiell verpönt. Man macht einfach immer so weiter wie gehabt, bestenfalls mit zarten Anpassungen an einen etwas sperrigeren Mainstream - der spätestens zum Zeitpunkt seiner Auszeichnung schon wieder altbacken wirkt.

Es passt zu dieser Haltung, dass etwa die erste weibliche nominierte Regisseurin der Oscar-Geschichte, Sofia Coppola, Tochter eines berühmten Altmeisters sein musste, um von den Mitgliedern der Academy und damit einer renommierten Instanz überhaupt wahrgenommen zu werden. Es passt zu dieser Haltung, dass man bei Musikeinlagen maximal distinguierte Altspatzen oder Musical-Einlagen bemüht, während die wirkliche Post ganz wo^anders abgeht - auf MTV zum Beispiel, zumindest teilweise.

Darüber kann man nobel hinwegsehen, weil man vorläufig immer noch anständig Quote macht. Und man kann weiterhin schöne Dankes^reden schwingen oder sich - siehe Song Contest - in Selbstpersiflage üben. Vermutlich hat der Oscar aber wie viele überholte mediale Genres nur folgende Option: intelligenter oder derber werden, komplexer oder eindeutiger. Das alte Modell ist mittlerweile völlig daneben. Auch wenn alle flehentlich behaupten: Zumindest haben wir über die Sieger sehr fair abgestimmt! Oder?

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