"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Abnehmen mit Essen" (Von Florian Madl)

Ausgabe vom 25. Februar 2004

Innsbruck (OTS) - Am Tag nach dem Faschingsdienstag macht sich vielerorts Katerstimmung breit. Im herkömmlichen Sinn, weil oftmals alkoholreicher Vortag. Im übertragenen, weil traditionell nahrungsarmer Aschermittwoch. Der Glaube will es so, die Lebensmittelindustrie mittlerweile auch. Sie pushte den Schlankheitswahn und bot mit taiwanesischen Fruchtsäften, Schlankmachern buddhistischer Mönche, bayerischen Abnehmkapseln oder finnischem Diät-Backpulver die Lösung an. In den USA, wo zwei Drittel der Bevölkerung Übergewicht auf die Waage bringen, trat die "Atkins-Diät" ihren Siegeszug an: Restaurantgäste sitzen vor Riesen-Steaks und verzichten auf kohlehydratreiche Beilage wie Brot oder Kartoffel. Klingt, als könnte man ruhigen Gewissens rauchen, wenn mans im Freien tut.
Fastennahrung - das birgt keinen Widerspruch in sich. Damit lassen sich all jene ködern, die beim Blick in den Spiegel ärgerliche Rundungen feststellen. Otto Normalverbraucher kauft Diätprodukte - er möchte schließlich normal verbrauchen. Doch wo bleibt die Frage nach dem Sinn des Essens? Bei Versuchen amerikanischer Wissenschaftlerinnen hörten die wenigsten zu essen auf, bevor nicht der Teller leer war. Die Testpersonen mit größeren Portionen löffelten und gabelten 30 Prozent mehr. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Wer weiß, dass sich die Größe eines Hamburgers seit 1982 mehr als verdoppelt hat? Wer weiß, dass die Portion Nudeln in Restaurants seit 1980 die fünffache Größe erreicht hat?
Essen als Erziehungssache. Wenn Kinder immer brav essen, was auf den Tisch kommt, stillen sie mitunter mehr als nur ihren Hunger. Wer nicht aufisst, wird mit Heinrich Hoffmanns Geschichte vom Suppen-Kaspar" konfrontiert: Die kugelrunde Hauptperson hungerte sich ins Grab. Muss immer "brav" gegessen werden, was auf den Tisch kommt? Oder ist weniger manchmal mehr?

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