"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Übernahmeschlachten und der fatale Hang zur Größe" (von Rainer Strunz)

Ausgabe vom 23.02.2004

Graz (OTS) - Nach Jahren der Agonie kommt jetzt wieder Bewegung
in das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen. Der Glaube, damit eine bessere Zukunft kaufen zu können, feiert in den Vorstandsetagen fröhliche Urständ', kaum eine Branche bleibt von der Fusionitis verschont.

Beispiele dafür gibt es derzeit zuhauf. Der französische Pharmakonzern Sanofi etwa möchte den Mitbewerber Aventis übernehmen, der Nahrungsmittelhersteller Oetker hat gerade die Gruppe Brau und Brunnen geschluckt, der Kabelnetzbetreiber Comcast will die Disney-Gruppe zur Brust nehmen, und Vodafone, größter Mobilfunkanbieter der Welt, wollte eigentlich den US-Konzern AT&T Wireless "aufschnupfen". Das ging allerdings schief. Vodafone wurde von dem Konkurrenten Cingular überboten, hat es allerdings durch fleißiges Lizitieren geschafft, den Preis von 30 auf 41 Milliarden Dollar zu steigern. Eine aberwitzige Summe, rund das 40-fache des AT&T-Jahresgewinns.

Ähnlich wie bei den Fusions- Exzessen in den 90er Jahren lauten die Argumente für die Fusionen auch heute wieder Nutzung von Synergien, billigere Produktion und Forschung und - wie im Fall von Sanofi -Marktführerschaft. Die Nummer 1 zu werden rangiert nicht nur bei den Franzosen ganz oben sondern war auch 1998 bei der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler erklärtes Ziel.

Bis dato hat sich der amerikanische Traum allerdings nicht erfüllt, ganz im Gegenteil. Das transatlantische Bündnis hat sich für Daimler als schwere Hypothek entpuppt, die Aktionäre haben für den fatalen Hang zur Größe mit schweren Kursverlusten büßen müssen.

Daimler ist dabei nur ein Beispiel von vielen, wo sich Fusionen nicht gerechnet haben. Wie etwa bei Hoechst. Die deutsche Pharmafirma wollte durch Zukäufe an die Spitze der Branche aufrücken und wurde trotzdem - mittlerweile in Aventis umbenannt - zum Übernahmekandidaten. Bedroht vom nur halb so großen Konkurrenten Sanofi. Denn Größe allein garantiert in der Wirtschaft nichts. General Motors hat unzählige Firmenkäufe hinter sich und ist der größte Autohersteller der Welt, Toyota hat nie Firmen zugekauft, und ist der profitabelste.

Größe ist die Triebfeder vieler Fusionen, was stärkt das Ego des Konzernlenkers mehr als eine siegreiche Übernahmeschlacht. Dass Innovationen, Kreativität und Dynamik eher in kleinen Unternehmen entstehen, wird in Sonntagsreden verpackt, die in Archiven verstauben. Gleich neben den Berichten über weitsichtige Strategen, die große Superkonzerne bildeten - und damit scheiterten. ****

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