"Presse"-Kommentar: Der Traum ist ausgeträumt (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 23. Februar 2004

Wien (OTS) - Der Ausgang der Parlamentswahlen war ein böses Erwachen für die Reformer im Iran. Der Sieg der Konservativen auf allen Linien setzt einen Schlusspunkt unter ein demokratiepolitisches Experiment, das im Westen auf viele Sympathien stieß. Die Reformer mussten - wohl oder übel - die wahren Machtverhältnisse zur Kenntnis nehmen. Und so sehr sie zuletzt auch Widerstand leisteten, sie konnten nichts mehr ausrichten - es war zu spät. Sie haben sich im zähen Machtringen mit den orthodoxen Klerikern verschlissen und ihre Glaubwürdigkeit verloren. Zu konziliant hatte ihre Galionsfigur, Präsident Mohammed Khatami agiert, immer darauf aus, einen Konsens zu erreichen.
Auf ihn kommen schwere nun Zeiten zu. Ein Jahr läuft seine Amtsperiode noch, bevor die letzte Bastion des Reformlagers wahrscheinlich wieder an die Konservativen fällt. Khatami wird als "lahme Ente" durch die politische Landschaft watscheln, salbungsvolle Worte absondern - sofern er nicht vorher entnervt den Rücktritt erklärt. Wohlmeinende sagen, das hätte er schon längst tun sollen. Droht also ein Rückfall in ein finsteres Mittelalter? Nicht unbedingt. Die Fundamentalisten wissen, dass sie die Uhr nicht mehr zurückdrehen können. Darüber hinaus repräsentieren die neuen alten Machthaber keineswegs einen monolithischen Block. Es sind ja nicht nur ideologische Hardliner darunter, sondern auch eine Vielzahl Pragmatiker, die das chinesische Modell predigen: Liberalisierung der Wirtschaft, Verbesserung der Beziehungen mit dem Ausland, Gewährung kleiner Freiheiten. Noch ist es ein Traum: Die unabdingbare Öffnung nach außen wird einen frischen Wind unter die Talare und Tschadors bringen - und sie irgendwann ganz hinwegfegen.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001