DER STANDARD-Kommentar "Ein Prozess mit Beigeschmack" von Thomas Neuhold

Nicht der Richterspruch, sondern die Pannen im Vorfeld verdienen Kritik - Ausgabe vom 20.2.2004

Wien (OTS) - Die Wut, die Verzweiflung, das Entsetzen bei den Hinterbliebenen der 155 Opfer von Kaprun angesichts der glatten Freisprüche ist mehr als verständlich. Schließlich haben viele von ihnen das Allerliebste auf dieser Welt verloren: Söhne und Töchter. Die Suche nach einem oder mehreren Schuldigen ist notwendiger Teil der Trauer. Deren Intensität können wohl nur jene nachvollziehen, die selbst schon einmal in einer vergleichbaren Situation waren.

Es ist sicher leichter, mit humanistischen Grundsätzen oder aus religiösen Motiven zu verzeihen, wenn man selbst Opfer eines Verbrechens oder eines Unglücks wird. Zyniker, die nun den verbitterten Angehörigen öffentlich vorwerfen, ihnen wäre der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen, sollten ebenso schweigen wie sich wahlkämpfende Politiker ihre öffentliche Anteilnahme sparen können.

Zur Trauerarbeit gehören die Suche nach Schuldigen und die Forderung nach deren Bestrafung. Daneben gibt es allerdings noch die kollektiv normierte Seite, das vom alttestamentarischen "Aug um Aug, Zahn um Zahn" bis zur modernen Gesetzgebung weiterentwickelte Strafrecht. Und dieses sieht eben nicht eine individuelle Genugtuung und Rache vor, sondern eine Bestrafung von Tätern und allenfalls den Schutz der Gesellschaft vor diesen.

Das Strafrecht sieht freilich auch vor, zu Unrecht Beschuldigte zu schützen, sie freizusprechen. Und genau das hat in Salzburg ein unabhängiger Richter getan. Für ihn hat das Beweisverfahren kein schuldhaftes Verhalten der 16 Angeklagten ergeben. Die Entscheidung des Einzelrichters Manfred Seiss ist genau so zu verstehen und zu akzeptieren.

Es gehört übrigens einiges an Mut dazu, dem Druck von Angehörigen und Medien zu widerstehen, um in einem Verfahren um den Tod von 155 Menschen streng auf Rechtsstaatlichkeit und Faktenlage zu achten.

Das Kaprun-Urteil zeigt, dass es eben nicht automatisch individuell Schuldige geben muss, wenn ein Unglück passiert. Auch wenn das "Einer ist schuld" im allgemeinen Bewusstsein tief eingebrannt sein mag.

Je mehr wir Menschen unser Leben immer komplizierteren Apparaturen und computergesteuerten Einheiten anvertrauen, umso größer wird letztlich das mögliche Feld von Fehlerquellen. Da kann der entwickelnde Ingenieur noch so nach dem Stand der Technik gearbeitet haben - und damit im strafrechtlichen Sinn unschuldig sein.

Unsere moderne Zivilisation ist voll der Annehmlichkeiten eines Lebens mit Maschinen, die fahren, fliegen oder uns in drei Minuten auf die höchsten Gipfel bringen. Diese bergen aber ein technisches Restrisiko in sich, an dem im Unglücksfall nicht automatisch einer oder mehrere individuell schuld sein müssen.

Aus Sicht des Salzburger Gerichtes (übrigens auch der Gutachter) war die gebrochene Aufhängung des Heizsterns im Heizlüfter der Standseilbahn so ein Fall.

Dass im Foyer des Salzburger Kolpinghauses gleich nach dem Urteil der Vorwurf der "typisch österreichischen Schlamperei und Mauschelei" zu hören war, wird dem Prozessverlauf nicht gerecht.

Der Richter hat nichts unter den Teppich gekehrt, er hat alle Beweisanträge und Zeugen zugelassen. Dass der Ruf der österreichischen Behörden im Kaprun-Verfahren gelitten hat, liegt an den Pannen im Vorfeld: Erst Wochen nach Prozessbeginn tauchen Beamte des Innenministeriums mit einem Kofferraum voller Unterlagen auf. Dann kann das Verfahren nicht fortgesetzt werden, da den Justizbehörden Schreibkräfte für das Protokoll fehlen.

Schließlich wird bekannt, dass ein viel beschäftigter Gutachter Beweisstücke - vorsichtig formuliert - etwas ungewöhnlich aufbewahrt hat, und letzten Endes scheidet dieser Gutachter aus. Das sind die Vorgänge, die nach dem Prozess einen schalen Beigeschmack hinterlassen, und nicht die - übrigens noch nicht rechtswirksamen -Freisprüche.

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