Wirtschaftspolitische Faktoren der unterschiedlichen Wachstumsdynamik in den USA, in Deutschland und im übrigen Euro-Raum

Wien (WIFO) - Seit Anfang der neunziger Jahre unterscheidet sich
die Geld- und Fiskalpolitik in den Industrieländern in steigendem Maß. In den USA unterstützt eine expansive Geldpolitik das Wirtschaftswachstum, während im Euro-Raum die Preisstabilität im Mittelpunkt der Politik der EZB steht. Auch die öffentliche Nachfrage wurde in den USA mittelfristig viel stärker ausgeweitet als im Euro-Raum.

In den USA steuert die Geldpolitik die Leitzinsen mit dem Ziel, Preisstabilität und Wirtschaftswachstum (gleichrangig) zu fördern. Dabei interpretiert die Notenbank Preisstabilität flexibel in Abhängigkeit von der Lage der Gesamtwirtschaft. In der Folge entwickeln sich die Geldmarktzinsen (und damit die Kreditzinsen) in den USA markant antizyklisch; insbesondere in Wirtschaftsflauten wie 1990/1993 und 2001/2003 übertraf der Rückgang der Leitzinsen jenen der Wachstumsrate. Zudem liegt der Geldmarktzins in den USA fast ständig unter der Wachstumsrate (Abbildung 1).

Die EZB konzentriert sich auf das Ziel, die Inflationsrate unter 2% zu drücken, nicht aber auf die Förderung von Wachstum und Beschäftigung. Dementsprechend bedient sich die Konjunkturpolitik nicht des Instruments der Leitzinsen. Da Wirtschaftswachstum und Preisauftrieb in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre merklich niedriger sind als im übrigen Euro-Raum, lag der Geldmarktzins in Deutschland weiterhin über der Wachstumsrate (im Gegensatz zum übrigen Euro-Raum). Dies dämpfte wiederum die Verschuldungs- und Investitionsbereitschaft in Deutschland und trug so zur Wachstumsschwäche bei.

Die Wirtschaftsentwicklung wurde in Deutschland auch durch den Verzicht auf eine antizyklische Gestaltung und mittelfristig dem BIP-Wachstum angepasste Steigerung der Staatsnachfrage gedämpft, im Gegensatz zur Strategie im übrigen Euro-Raum und in den USA:

- In den USA wurde die reale Nachfrage des Staates auch als Instrument der Konjunkturstabilisierung eingesetzt. Zwischen 1990 und 1992 und verstärkt zwischen 2000 und 2003 wurden sowohl die Investitionen als auch der Konsum des öffentlichen Sektors ausgeweitet (Abbildung 1). Auch mittelfristig expandierte die Staatsnachfrage - zwischen 1991 und 2003 nahmen die öffentlichen Investitionen in den USA um durchschnittlich 3,0% und der öffentliche Konsum um 1,8% pro Jahr zu (Übersicht 1).

Abbildung 1: Wirtschaftsentwicklung in den USA, im Euro-Raum und in Deutschland - auf der WIFO-Website (http://www.wifo.ac.at/presse)

- Auch im Euro-Raum (ohne Deutschland) wurden die öffentlichen Investitionen und der öffentliche Konsum in der wachstumsschwachen Phase seit 2000 stärker ausgeweitet als die privaten Investitionen bzw. der private Konsum. Mittelfristig wuchs die Investitions- und Konsumnachfrage des öffentlichen Sektors annähernd gleich stark wie das BIP (Übersicht 1).

Übersicht 1: Wirtschaftsentwicklung in den USA, im Euro-Raum und in Deutschland - auf der WIFO-Website (http://www.wifo.ac.at/presse)

- In Deutschland wird die öffentliche Nachfrage nicht zur Stabilisierung der Konjunktur eingesetzt. Auch mittelfristig wuchs die Nachfrage des Staates schwächer als im übrigen Euro-Raum (die öffentlichen Investitionen schrumpften in Deutschland seit 1991 sogar um 1,8% pro Jahr; Übersicht 1).

Die Beschäftigungsentwicklung im öffentlichen Dienst spiegelt die unterschiedliche Rolle der Nachfragepolitik wider: Zwischen 1991 und 2003 nahm die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst in den USA um 1,2% pro Jahr und im Euro-Raum um 0,8% pro Jahr zu, in Deutschland sank sie hingegen um 1,6% pro Jahr (Abbildung 1). Der Anteil der öffentlich Beschäftigten an der Gesamtzahl aller Unselbständigen betrug in Deutschland 2003 nur mehr 12,5% (USA 16,4%, Euro-Raum 21,3%).

Die anders als in Deutschland expansive Staatsnachfrage im übrigen Euro-Raum und insbesondere in den USA wurde dadurch erleichtert, dass die Einnahmen des Staates in diesen beiden Wirtschaftsräumen zwischen 1991 und 2003 um etwa 1 1/2 Prozentpunkte pro Jahr rascher zunahmen als in Deutschland (Übersicht 1). Überdies erhöhten sich in Deutschland die Einnahmen aus indirekten Steuern stärker zu als jene aus direkten Steuern, deren Last sich drastisch von den Unternehmen zu den Haushalten verschob. Im übrigen Euro-Raum und in den USA stiegen hingegen die Einnahmen des Staates aus indirekten Steuern sowie aus den direkten Steuern von Unternehmen und Haushalten annähernd gleich stark (Übersicht 1).

Die Verlagerung der Steuerlast zu den Massensteuern, die Verschiebung der Einkommensverteilung zulasten der Unselbständigen sowie die steigende Arbeitslosigkeit trugen dazu bei, dass der private Konsum in Deutschland schwächer wuchs als im übrigen Euro-Raum und in den USA (Übersicht 1). Die Konsumschwäche dämpfte zusammen mit der Stagnation der Staatsnachfrage, hohen Realzinsen und dem Boom auf den Aktienmärkten als Veranlagungsalternative die Investitionen: Sie sanken in Deutschland zwischen 1991 und 2003 um 0,2% pro Jahr, während sie im übrigen Euro-Raum um durchschnittlich 2,1% ausgeweitet wurden.

Dieser Vergleich von makroökonomischen Indikatoren der Wirtschaftspolitik legt folgende Schlussfolgerungen nahe: Die Wirtschaftspolitik wurde in Deutschland seit Anfang der neunziger Jahre merklich restriktiver gestaltet als in den USA und im übrigen Euro-Raum. Sie dämpfte so wesentlich die Dynamik der Binnennachfrage und damit das Wirtschaftswachstum.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht 2/2004!

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Dr. Stephan Schulmeister
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