DER STANDARD-Kommentar "Wissen die nicht, was sie tun?" von Claus Philipp

Anmerkungen zur mangelnden Sensibilität in der heimischen Kulturpolitik - Ausgabe vom 18.2.2004

Wien (OTS) - Wenn man dieser Tage den Wiener Kulturstadtrat
Andreas Mailath-Pokorny fragt, ob denn die Bestellungs- und Bezahlungsgebarungen heimischer Musicalmanager nicht fragwürdig, geschweige denn abzulehnen wären - dann erhält man von ihm maximal ein ganz dezidiertes "Nein!". Am liebsten aber flüchtet der Sozialdemokrat in Aussagen wie: Das gehe ihn nichts an, in konkrete Verträge habe er ebenso wenig Einsicht wie in Rudi Klausnitzers Gewinnbeteiligungen, und Kathrin Zechner möge man doch bitte eine Chance geben.

Nun, dass die neue Intendantin der Vereinigten Bühnen diese 18-Millionen-Euro- Chance zu nützen gedenkt, auch wenn sie vom Wie noch höchst diffuse Vorstellungen zu haben scheint - darüber kann kein Zweifel herrschen. Wesentlich irritierender ist die fast schon kecke Selbstsicherheit, mit der im Wiener Kulturamt derzeit behauptet wird: Immerhin gäbe man immer noch Geld für Kultur aus! Das sei doch nicht so schlecht! Wunderbar - selbst wenn man dabei vergisst, dass für die freien Theater anstatt 5,69 Millionen Euro aufgrund eines Auslassungsfehlers nur 5,269 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Selbstkritik? Ach was! In dieser Haltung ist Mailath-Pokorny mit dem von ihm so oft kritisierten Kunststaatssekretär Franz Morak durchaus verwandt. Letzterer kann ja auch sehr gut damit leben, dass für eine völlig überflüssige, nie stattfindende Diagonale mindestens 385.000 Euro geflossen sind, während die alte Diagonale, zu der er sich jetzt doch wieder bekennt, heuer vom Bund keinen Cent erhält.

Wen kümmert’s! Wir sind nicht dazu da, die Vergangenheit aufzuarbeiten, heißt es so oft: jetzt Blick nach vorn, mit oder ohne Konzept. Wir werden die Brücke erst überqueren, wenn der Fluss erreicht ist. Nicht auszudenken, wenn den so munter durch den ^Kulturdschungel streifenden Abenteurern dann Überschwemmungen drohen oder die erhoffte Brücke gar schon weggerissen wurde.

Und bis dahin: gute Unterhaltung! Bis an den Rand zur Absurdität. Wenn es so ist, dass Millionen Musicalfans aus der so genannten Provinz nach Wien pilgern, um das Ronacher und das Raimund- Theater zu stürmen, dann müsste ja eigentlich Franz Morak mit seinem Faible für "regionale" Bedürfnisse sofort tief in die Bundestöpfe greifen, vielleicht sogar immens profitable Tourneeprogramme für Kathrin Zechner subventionieren. Tut er nicht. Und Mailath-Pokorny freut sich, dass die Stadt Wien zumindest "ein Geld für Kultur in die Hand nimmt". Wie viel davon dann in die Kassen hochbesoldeter Konsulenten wie Rudi Klausnitzer fließt, ist wiederum kein Thema.

Wie erklärt man so viel Mangel an Unrechtsbewusstsein, das mittlerweile nicht nur viele Filmemacher und auch Kreative der freien Wiener Theaterszene an die leidige Grasser-Homepage-Affäre oder an Pensionsrückzahlungs-PR-Aktionen erinnert? Woher kommt diese Kaltschnäuzigkeit, die lieber fragwürdige Allianzen mit gewieften Medien- und Meinungsmachern eingeht, als sich auf ihre eigentliche Klientel mit vernünftigen Argumentationen, Konzepten und Maßnahmen einzulassen?

Die eine, durchaus mitleidvolle Erklärung wäre: Diese Politiker wissen schlicht nicht mehr, wofür sie gewählt worden sind und was sie eigentlich anrichten. Die Inkompetenz und die Ignoranz verbünden sich auf groteske Weise mit mangelnder Intuition. Im Zweifelsfall war man wieder einmal nicht zuständig.

Die andere, wesentlich bedrückendere Erklärung: Dahinter steckt Kalkül. Ein System, demzufolge man sich damit abzufinden hat, dass einerseits eh schon alles gleich ist und gleichzeitig manche gleicher sind. Kurz: Dass einige, die da sagen, dass man diverse Gürtel enger schnallen muss, die eigene Gürtelweite eher vergrößern. Und die politische Kaste, die mit diesem Kalkül gemeinsame Sache macht - sie liefert, womit man seit Menschengedenken Kritik klein gehalten hat:
Brot und Spiele. Der Rest steht im Musicalprogramm. Wake up!

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