"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Hausgemachte Transit-Hysterie" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 13.02.2004

Wien (OTS) - Knapp vor dem Jahreswechsel war die Hysterie kaum
noch zu überbieten. Die selbsternannten Gralshütern einer lebenswerten Umwelt prophezeiten Österreich den Untergang in einer Verkehrslawine und uns allen das Ersticken in Lkw-Abgasen.
Jetzt sind sechs Wochen um, und es liegen konkrete Zahlen vor. Sie zeigen, dass seit Auslaufen des Transitvertrags der Lkw-Verkehr keinesfalls explosionsartig zugenommen hat - weder in Vorarlberg noch sonst irgendwo in Österreich. Dafür sind wir dank verschärfter Sicherheitskontrollen auf etwas anderes draufgekommen: Ein nicht unerheblicher Teil der Lkw, die durch unser Land rollen, weist schwere, zum Teil lebensgefährliche Sicherheitsmängel auf.
Das allerdings ist den militanten Transitgegnern völlig egal: Die von Verkehrsminister Gorbach Anfang Jänner angekündigten Kontrollen seien kein taugliches Mittel gegen die Lkw-Flut, ließen sie uns wissen. Dieser Zynismus ist kaum zu überbieten: Abgase sind gewiss gesundheitsschädlich. Aber in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, der von einem gefährlich überladenen Lastwagen mit kaputten Bremsen verursacht worden ist, ist auch nicht gerade lebensverlängernd.
Im Übrigen zeigen die scharfen Sicherheitskontrollen auch im Umweltbereich durchaus positive Wirkung: Moderne und gut gewartete Lkw sind leiser und stinken weniger als alte Rostschüsseln. Das gilt für Transitfahrten genauso wie für den Lokalverkehr.
Seien wir also froh über die zusätzlichen Kontrollen und nehmen wir darüber hinaus zur Kenntnis, dass das einzig wirklich wirksame Lenkungsinstrument im Verkehr die Kosten sind: Der ÖBB-Streik samt immer noch nicht ausgeräumten neuerlichen Drohungen beispielsweise hat viele Transporte nachhaltig von der Schiene auf die Straße zurückgetrieben. Umgekehrt hat die Einführung der Lkw-Maut in Österreich zu einer Verkehrsverlagerung des Ost-West-Transits auf die Route über Ungarn, die Slowakei und Tschechien geführt.
Statt hysterisch auf angeblich unfähige Politiker zu schimpfen und die EU für unsere Probleme verantwortlich zu machen, wäre es wesentlich gescheiter gewesen, rechtzeitig vorzusorgen: Strenge Sicherheits- und Abgaskontrollen bei Lkw waren offensichtlich überfällig. Die "rollende Landstraße", also der Transport von Lastwagen auf der Schiene, ist so langsam und unattraktiv, dass sie kaum in Anspruch genommen wird. Anders als die Schweiz hat Österreich bisher viel zuwenig in den Alpentransit per Bahn investiert.
Wir haben in den letzten Jahren so ziemlich alles verschlafen, was eine vernünftige Verkehrs- und Transitpolitik erfordert hätte. So gesehen ist das Auslaufen des Transitvertrags geradezu ein Segen:
Jetzt kann sich Österreich nicht mehr auf die EU verlassen, sondern muss selber handeln. Die Sicherheitskontrollen und die Lkw-Maut sind wichtige erste Schritte zur Eindämmung des Schwerverkehrs und zur Verminderung des Schadstoffausstoßes. Weitere werden folgen müssen.

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