"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Trauma des Jahres 1934 und die 'Keule der Geschichte'" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 13.02.2004

Graz (OTS) - Die "Ereignisse" des Jahres 1934 entzweien immer
noch das Land.

Man meinte, die Spannung förmlich mit den Händen greifen zu können, die gestern im Budgetsaal des Parlaments herrschte, als das Symposion "anlässlich des 70. Jahrestages der Ereignisse im Jahre 1934" eröffnet wurde. Der Saal war zum Bersten voll, besonders viele ehemalige Politiker aller Lager waren gekommen.

Schon der Titel der Veranstaltung, der den eigentlichen Gegenstand verlegen umschreibt, zeigt, wie schwer sich Österreich immer noch in der Bewertung des Arbeiteraufstandes vom Februar 1934 und seiner Niederschlagung sowie des Nazi-Putsches desselben Jahres tut.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der "Ereignisse" fällt heute relativ leicht. Noch haben Menschen zwar persönliche Erinnerungen an 1934, aber kaum jemand wird sich noch als Opfer bezeichnen können. Man kann, wie es Anton Pelinka formulierte, "sehr nüchtern und ohne Fragen nach Schuld, Mitschuld, geteilter Schuld den Fragen der Verantwortung nachgehen".

Aber durch die wissenschaftliche Durchdringung der Geschichte wird "weder das Trauma beseitigt noch die Bitterkeit gemildert", wie Nationalratspräsident Andreas Khol konstatierte. Man dürfe auch nicht die "Geschichte als Keule" gegen den politischen Konkurrenten verwenden. Damit spielte er auf die Wende des Jahres 2000 an, als manche auf der Linken Parallelen zu 1934 zogen.

In den Herzen und Hirnen der politisch Handelnden ist 1934 auf eine untergründige und starke Weise lebendig. Die ÖVP als Nachfolgerin der Christlichsozialen der Ersten Republik versuchte nach 1945, einen Trennstrich zur Zeit vor 1938 zu ziehen. Ihre Opfer während der Nazizeit verstand sie als kollektive Läuterung eigener Schuld, die ihr aber im Vergleich zum später selbst erlittenen Leid gering erschien.

Die SPÖ hingegen betrachtet sich ausschließlich als Opfer, das "nichts zu bereuen, zu bedauern, zu bedenken hat" ( Pelinka). Der Februar 1934 ist ihr ein bleibender Begründungspunkt für die eigene Identität. Er bekenne sich dazu, dass nicht einer Seite allein alle Schuld zukomme, sagte ein nachdenklicher Heinz Fischer, die Formel der geteilten Schuld könne er aber nicht akzeptieren.

Die Mahnungen des wissenschaftlichen Symposions blieben ungehört. Noch am selben gestrigen Tag wurden die Keulen geschwungen, die Schuld eindeutig zugewiesen und am Abend ging man zu seinen eigenen Feiern und seinen eigenen Erinnerungen. ****

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