"Die Presse" Kommentar: Näher, mein Klon, zu dir! Zauberlehrlinge in Angst (von Jürgen Langenbach)

Ausgabe vom 13.2.2004

Wien (OTS) - Nun sind sie endlich da, die oft schon verfrüht gefeierten em-bryonalen Stammzellen eines geklonten Menschen, aber der Jubel hält sich selbst bei ihren Schöpfern in Grenzen: "Ich weiß nicht, ob man damit Babies machen kann", kommentiert einer der Forscher den eigenen Erfolg: "Und ich hoffe, dass ich es auch nie herausfinden werde." Besser kann man den Zwiespalt nicht formulieren, in den viele Ärzte und Molekularbiologen sich immer tiefer hinein graben: Mit jedem Fortschritt beim "therapeutischen Klonen" - bei dem man Embryos erzeugt und dann zerstört, um embryonale Stammzellen für Transplantationen zu gewinnen -, mit jedem Erfolg auf dem Weg zu dieser derzeit größten Hoffnung der Medizin erhöhen sich auch die Chancen für jenes "reproduktive Klonen", das Embryos erzeugen und nicht zerstören, sondern zu Menschen heranreifen lassen will. Bisher ist das, soweit bekannt, noch nicht gelungen, auch wenn die Klon-Propagandisten die Verheißung immer wieder an die TV-Wand malen. Für den Rest der Forscher sind das Menetekel, die fast rituell weggewünscht und weggeschimpft werden: Höchst verantwortungslos sei das, in hunderten von Tierversuchen habe es noch keinen einzigen gesunden Klon gegeben, die Technik sei einfach nicht soweit. Die Technik ist nicht soweit? Sie werden sie schon soweit bringen, vielleicht ist es gerade gelungen. Sie? Eben die "therapeutischen Kloner", die gegen den "reproduktiven Klon" zetern, bringen ihn näher, nicht aus Mangel an Verantwortung, sie sitzen in einer nachgerade tragischen Falle: Von der Technik her ist das "therapeutische Klonen" mit dem "reproduktiven Klonen" identisch. Man nimmt aus einer Eizelle den Kern heraus - in ihm sitzt die Erbinformation - und ersetzt ihn durch den Kern irgendeiner Körperzelle, einer Muskelzelle etwa.
Bei ihr sind nur noch die für die Muskeln zuständigen Gene aktiv, alle anderen sind still gestellt. Aber sie sind noch da. Und könnten sie in der Eizelle wieder erweckt werden, dann könnten im einen Fall Transplantate daraus werden, im anderen ein ganzer Mensch.
Bisher ist das bei vielen Säugetieren gelungen, erst beim Schaf "Dolly", dann bei Mäusen, Rindern, Hunden, der halben Schöpfung. Aber bei den Primaten, zu denen die Menschen gehören, ist es bisher nicht gelungen, ihre Erbinformation nimmt beim Klonen zu großen Schaden. Nahm: Der Durchbruch, den koreanische Forscher jetzt publiziert haben, hat offenbar diese Probleme überwunden, die Klone reifen heran.
Eben damit rückt auch der andere Klon näher, der allseits gefürchtete, die genetische Kopie eines ganzen Menschen. Und nichts fürchtet die Zunft der therapeutischen Kloner mehr: Der erste reproduktive Klon könnte auch sie in Misskredit bringen. Aber sie können nicht anders, sie müssen ihr Verfahren verfeinern und ebnen dem anderen den Weg.
Deshalb wollen sie die unerbetenen Folgen des eigenen Tuns anders aus der Welt schaffen. Erst versuchte man es mit Semantik und taufte das therapeutische Klonen in "Nukleartransfer" um. So wird man den Begleiter - den eigenen Schatten - natürlich nicht los, die Gesetzgeber sollen helfen. Die haben aber dasselbe Problem: Ein weltweites Verbot des reproduktiven Klonens scheitert daran, dass viele Länder jedes Klonen tabuisieren wollen - auch das "therapeutische" -, andere aber die atemberaubenden Chancen der Medizin nicht beschneiden wollen.
Und selbst mit weltweitem Verbot wäre nicht alles gewonnen: Was technisch machbar ist, wird gemacht, irgendwo findet sich immer ein gesetzesfreier Raum und ein Kundiger, der ihn mit seinen Kreationen füllt, das wird beim Klon nicht anders sein als bei der Bombe. Wenn jemand aufhalten kann, dann die, die die Technik vorantreiben. Können sie, wollen sie? In den 70er-Jahren haben die ersten Gentechniker höchste Vorsicht beim Betreten des neuen Terrains verabredet. Sie waren eine Handvoll, heute sind die Molekularbiologen Legion, und das Klonen ist keine hohe Kunst. Man wird sich bald auf den ersten Klon einstellen müssen.

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