"Kleine Zeitung" Kommentar: "Noch gibt es Hoffnung im Land der Pulverfässer" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 02.02.2004

Graz (OTS) - Als die amerikanischen Panzer im Vorjahr fast
mühelos Bagdad eroberten, die Statue von Saddam Hussein unter dem Jubel der Iraker gestürzt wurde, schaute alles prächtig aus für die Sieger. Es folgte die Zeit der Plünderungen. Dann kam die Zeit der Autobomben und Granatenüberfälle. Es schaut schlecht aus für den Sieger und noch schlechter für die Iraker.

Der jüngste Doppelanschlag gegen die beiden Kurdenparteien hat ein besonders gefährliches Pulverfass im Land der vielen politischen Pulverfässer explodieren lassen. Die Kurden hätten längst ihren eigenen Staat ausgerufen, wenn die Amerikaner sie hätten ausrufen lassen. Ein Kurdenstaat wäre das endgültige Anzünden von allen Lunten im bürgerkriegsbereiten Land.

Die Mehrheit der Schiiten ließ klar erkennen, dass sie regieren will. Demokratische Wahlen sind den Schiiten recht. Sie würden sie gewinnen. Die bisher regierenden Sunniten haben die Mehrheit in Bagdad und in der Mitte des Irak. Aber die Schiiten sind dort eine starke Minderheit. Gerade deshalb konzentriert sich der Bombenterror auf diese Region. Hier geht es um die Macht für die Zukunft. Es kämpfen die untergetauchten Reste des Saddam-Regimes mit extremen Sunniten darum, in den Augen der Bürger die stärksten zu sein.

Immer deutlicher wird, dass der Kampf gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten zwar ebenso wichtig, aber in Wirklichkeit ein propagandistisch wertvoller Vorhang für den Kampf zwischen den rivalisierenden irakischen Gruppen ist. Wenn kein amerikanischer Soldat mehr im Irak stehen sollte, würde erst recht um die Macht gekämpft werden. Dieser totale Bürgerkrieg ließe sich nur vermeiden, wenn es den USA und der UNO gelingen könnte, eine anerkannte Regierung für den ganzen Irak zu organisieren. Unmöglich ist das nicht. Auch unter den irakischen Führern sind Leute mit Sinn für das Mögliche. Es darf immer noch gehofft werden, dass auch die Iraker bei Wahlen gemäßigte Politiker wählen werden. Aber die Zeit, die Pulverfässer zu entschärfen, wird knapper.

Die Entwicklung im Irak und die Entwicklung in den USA und in Großbritannien haben sich abgekoppelt. Ob der Irak Massenvernichtungswaffen besaß oder nicht, hat nur noch für George Bush und Tony Blair Bedeutung.

Wenn George Bush nun mit seiner Untersuchung seinen Kriegsgrund relativiert, muss das auch Tony Blair tun. Wie die Amerikaner und Briten die Vorkriegslügen ihrer Chefs beurteilen, werden die nächsten Wahlen zeigen. ****

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