DER STANDARD-Kommentar "Weltklasse: Aber wo?" von Gerfried Sperl

Wie Politiker der Demokratie neue (Anstands-)Regeln verpassen wollen - Ausgabe vom 31.1./1.2.2004

Wien (OTS) - Die Szene überdauert den Tag. Gegen einen
Germanisten, also einen Mann des Wortes, ging der Präsident des Nationalrates vor, als dieser den Demokratieverlust im neuen Universitätsgesetz beklagte. Eines "leichtfertigen Umgangs mit dem Rederecht" bezichtigte er ihn vor dem Österreich- Konvent. Vor einem Gremium also, das der Mehrung der Demokratie dienen sollte.

Kein Zufall, dass es sich um genau denselben Politiker handelt, der Gott in der Verfassung haben möchte. Weil er ein Christ ist, aber vielleicht auch, damit wieder eine rechte Ordnung in die österreichische Welt käme. Den Herrgott kann man nicht demokratisieren, eine Verfassung mit Gott wäre herrlich hierarchisch durchflutet.

Wie sehen wir das? Nicht mehr Demokratie ist gewünscht, sondern weniger. Wenn auch nur scheibchenweise. Kaum merkbar, wenn man nicht aufpasst.

Kein Wunder, dass man in der ÖVP sprachlich in die Zeit vor 1968 zurückfällt. Die "Tortung" des Rektors der Universität Wien sei "der Tatbestand der versuchten Körperverletzung" durch "linksradikale Gruppen in der ÖH", erklärte die vor der Implementierung neuer Uni-Tatbestände schnell noch pragmatisierte Abgeordnete Gertrude Brinek. Dass es auch den Texten in der ÖH-Zeitschrift an sprachlicher Fantasie mangelt, entschuldigt die Rückkehr zum Jargon der Bild-Zeitung von damals nicht.

Fast schon vergessen ist, dass der Innenminister den Kommentar eines Chefredakteurs zum Gedenken an den 11. September 2001 als Anlass nützte, um seine Unterschrift unter die neuen Presseausweise zu setzen. Der Kommentator hatte die Beibringung eines Leumundszeugnisses als Einschränkung, der Minister aber als Absicherung der Pressefreiheit verstanden.

Eine Frage der Interpretation? Natürlich. Deshalb müssen wachsame Journalisten darauf bestehen, dass die Geisteswissenschaften nicht ausgehungert werden. Deshalb muss es weiterhin die Philosophie und die Sprachwissenschaften geben. Damit die Mächtigen nicht unkontrolliert ihre Sprachspiele betreiben können.

Gemeint ist nicht nur die ÖVP. Oder besser: deren Chefideologe. All das geschieht vor einem breiteren Hintergrund. Für den SPD-Chef und Bundeskanzler Willy Brandt hat Günther Grass die Reden geschrieben, für dessen Nach- Nachfolger Gerhard Schröder schreibt sie eine Werbeagentur. Wir haben es mit einer allgemeinen Verluderung zu tun, in deren Sog auch gleich der Staberl zum Maßstab und das Taferl zum Leittext wird.

Für die österreichischen Universitäten forciert das www.weltklasse.at-Ministerium die Biotechnologie, die Nanotechnologie und die Gentechnik als neue Leitwissenschaften. Zu Recht. Aber mit einer unausgesprochenen Nebenabsicht: "New Science," schreibt der Unternehmer Klaus Woltron in einem neuen Buch, "orientiert sich mehr und mehr am rein ökonomischen Erfolg und nicht mehr am herkömmlichen Ethos der Wissenschaft".

Der Überbau wird publizistisch mitgeliefert. Kürzlich wurde ein Leitartikel mit dem Titel "Die Angst: Kein Grund zum Fürchten" versehen und mit Edvard Munchs "Schrei" illustriert. Angst sei notwendig, geradezu eine Voraussetzung für die Leistungsgesellschaft:
"Wir sollten daher eher Vernunft zu ihr sagen." Munchs "Schrei" als die neue Vernunft. Und Linksradikale jene Warner vom Dachverband der Vereine für psychische und soziale Vernunft ("pro mente"), welche die Angst als eine Ursache für immer mehr psychische Erkrankungen betrachten?

Es ist schon wahr: Je mehr Kompetenzen unsere Regierung an die Kommission in Brüssel abtreten muss, desto mehr kümmern sich ihre Ideologen um das Wohl und Weh der Bürger(gesellschaft). Das Volk muss in die Pflicht genommen werden. Destruktive Kritiker stören. Und Wortklauber erst recht.

Wir sollten sicherstellen, dass öffentliche Kritik und intellektueller Widerstand ebenfalls die "Weltklasse" zum Ziel haben.

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