"DER STANDARD"-Kommentar: "Bitterer Handel" von Gudrun Harrer

Am Tag ihres Triumphes ist die Prognose für die Hisbollah nicht nur positiv

Wien (OTS) - Für viele Israelis muss der neue entsetzliche Terroranschlag in Jerusalem am Montag eine traurige Bestätigung ihrer Bedenken gegen den Gefangenen- beziehungsweise Leichenaustausch zwischen Hisbollah und Israel gewesen sein: Die hohe Anzahl von Palästinensern, Libanesen und anderen arabischen Bürgern, die Israel im Tausch für drei tote und einen lebenden Israeli freigibt, könne als Zeichen der Schwäche und Belohnung von Gewalt gegen Israel und Israelis verstanden werden.

Einwurf: Ganz zynisch betrachtet, könnte man die Zahlen jedoch auch ganz anders lesen - dass Menschen und Menschenleben auf dieser Welt eben unterschiedlich viel wert sind.

Aber zurück, die Ängste, dass der vom deutschen Bundesnachrichtendienst in langer Arbeit vermittelte Deal zu teuer kommt, haben einen konkreten Anlass: Was es Israel kosten wird, Nachrichten über den Verbleib des israelischen Piloten Ron Arad zu erhalten, ist noch auszuverhandeln. Tragischerweise ist gerade dessen Geschichte mit dem einzigen israelischen Premier verbunden, der sich bisher weigerte, den geforderten Preis zu zahlen: Yitzhak Rabin. Arads Spuren verloren sich, sein Schicksal wurde zum nationalen Mythos.

Menachem Begin, Yitzhak Shamir in einer Regierung der nationalen Einheit mit Shimon Peres (1985, der größte Gefangenenaustausch überhaupt: 1150 Palästinenser gegen drei israelische Soldaten), Benjamin Netanyahu (1996, ebenfalls mit deutscher Vermittlung: 123 libanesische Leichen gegen zwei israelische) und jetzt auch Ariel Sharon, allesamt Männer des Mottos "Mit Terroristen verhandeln wir nicht", haben Gefangene im Tausch um Israelis freigegeben. Häme wäre hier jedoch völlig fehl am Platz: In einer Demokratie ist eben dem Druck, auch wenn er von Privatpersonen - in diesem Fall von den Familien - kommt, schwer standzuhalten.

Und Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah wäre damit wieder einmal der arabische Mann des Tages: Er war es ja auch, unter dem die israelischen Truppen im Jahr 2000 aus dem Südlibanon abgezogen sind. An Helden herrscht auf der arabischen Straße nach dem Wegfall von Saddam Hussein ein einigermaßen dringender Bedarf, und dass es sich um einen Vertreter des politischen Islam handelt, ist nur im Trend.

Die Hisbollah wird bejubelt und hat sich auch im Libanon - wo sie vielen Leuten auf die Nerven geht, weil sie mit ih^rem Kampf wegen eines Stückes Landes, das laut UNO nicht zum Libanon gehört, das ganze Land in Geiselhaft hält - rechtzeitig vor den Kommunalwahlen im Frühjahr wieder zu Wort gemeldet. Trotzdem sind die Prognosen für die schiitische Islamistenorganisation nicht unbedingt rosig, wenn es um ihre zukünftige Rolle als Spieler im Nahostkonflikt geht (als politische Partei mit hohem sozialem Engagement mag das anders aussehen). Dass die Begründung des Kampfes gegen Israel aus territorialen Gründen fadenscheinig ist, wurde schon erwähnt. Und mit den Leichen der drei israelischen Soldaten und dem wahrscheinlich einzigen noch lebenden Israeli in ihrer Gewalt hat sie ein wertvolles Faustpfand aus der Hand gegeben.

Aber viel wichtiger noch ist die geänderte Umgebung nach dem Irakkrieg, die die wichtigen Hisbollah-Sponsoren Syrien und Iran betrifft: Der Druck auf Syrien ist enorm, und obwohl auch die unmittelbare Prognose schlecht ist: Israelisch-syrische Gespräche sind wieder denkmöglich - ohne Bindung an die palästinensische Schiene.

Aufhorchen lässt aber auch eine Bemerkung aus dem Iran: Dort hat Hassan Rowhani, Chef des Nationalen Sicherheitsrats, der als kommender starker Mann gehandelt wird, unlängst sinngemäß gesagt, wenn die Hisbollah keine territorialen Ansprüche mehr an Israel habe, sei ihre Aufgabe als Widerstandsorganisation erfüllt. Rowhani ist keine Taube - aber er ist Pragmatiker. In dieses Bild passt auch, dass die Hisbollah im Irak zwar präsent ist, sich dem militärischen Kampf gegen die USA aber nicht angeschlossen hat.

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