"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Scheinmoral der Politik hat ihr Gutes: Sie lässt uns glänzen" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 29.1.2004

Graz (OTS) - Daher gehört der 5. Misstrauensantrag gegen Grasser auch honoriert.

Von allen Moralisten des 17. Jahrhunderts war Francois de La Rochefoucault der bitterböseste. "Unsere Tugenden sind zumeist nur verkleidete Laster", schrieb er.

Als Deutungsmuster in Sachen Homepage-Affäre hat diese Analyse durchaus Charme.

Da wäre zuallererst der Protagonist: Jung, fesch und smart schien Karl-Heinz Grasser vor kurzem noch alle Primärtugenden zu verkörpern, die den Erfolgsmenschen des dritten Jahrtausends charakterisieren.

Die Botschaft, die der Sunnyboy verkündete, war simpel. "Alles ist möglich", lautete sie, doch dieses "alles ist möglich" hat sich rasch in ein frivoles "anything goes" verkehrt, seitdem der Verein zur Förderung der New Economy als Verein zur Selbstbespiegelung des Finanzministers enttarnt wurde, dem zumal der Staatsanwalt auf den Fersen ist. Der Lack ist ab.

Grasser erklärt nun, er habe mit all dem nichts zu tun. Die Drecksarbeit haben andere erledigt: Sein Kabinettschef, sein Staatssekretär und die Industriellenvereinigung, deren angebliche Selbstlosigkeit - auch das ist eine Tugend - sich als ziemlich plumper Versuch des Lobbyismus entpuppt hat.

Grasser ist schon glänzender da gestanden. Dass er überhaupt noch Boden unter den Füßen hat, verdankt er dem Kanzler, der sein Wahlmaskottchen nicht fallen lassen will.

Intime Kenner von Wolfgang Schüssel schreiben das seiner bedingungslosen Loyalität gegenüber Personen zu, die er ins Herz geschlossen hat. Weniger schmeichelhaft könnte man sagen, dass der Kanzler seinem Schützling, der in seiner beachtlichen politischen Karriere offenbar kein Bewusstsein entwickelt hat, was sich für einen Politiker gehört und was nicht, kaltschnäuzig die Mauer macht.

Das erbost klarerweise die Opposition. Womit wir in unserem tugendhaften Reigen auch schon zum Schluss gelangen: Dass SPÖ und Grüne die Homepage-Affäre für ihre politischen Zwecke ausschlachten, war zu erwarten. Ja, es ist sogar zu wünschen. Schließlich braucht Macht Kontrolle.

Dennoch hat die Selbstinszenierung der Herren Cap und Pilz als oberste Gralshüter von Recht und Gerechtigkeit etwas Irritierendes. Sie täuscht über die Inhaltsleere der Opposition hinweg. Grassers Defizite dienen nur dazu, die eigenen zu kaschieren.

Gestern hat die SPÖ wieder einmal einen Misstrauensantrag gegen den Finanzminister gestellt. Für uns Normalbürger sind sie bereits zur lieben Routine geworden, die Honorierung verdient. Immerhin führt uns die Unmoral, die da angeprangert wird, unsere eigene Moral vor Augen. Insofern sollten wir KHG sogar danken. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001