DER STANDARD-Kommentar "Zum Wohl des Kindes" von Thomas Neuhold

Die Eskalation in einem Sorgerechtsstreit geht auf Kosten eines Achtjährigen - Ausgabe vom 29.1.2004

Wien (OTS) - Es war eine Demonstration der Macht von
Fernsehbildern: Ein Gerichtsvollzieher versucht einen achtjährigen Buben durch die enge Tür eines Streifenwagens zu zwängen. Der Bub wehrt sich, schreit, beißt, schlägt panisch um sich. Der Gerichtsvollzieher lässt nicht locker und drückt dem Kind den Kopf wie bei einem Verbrecher nach unten. Erst das Einschreiten der Gendarmerie beendet die Tortur. Die Kameras des ORF und von Fotojournalisten halten drauf, die Abendnachrichten liefern das Geschehen in die Wohnzimmer Österreichs. Die Nation ist empört.

Salzburgs ORF-Intendant Hubert Nowak verteidigt die Berichterstattung als notwendig. Von Voyeurismus könnte keine Rede sein, man habe "nur einen Bruchteil gespielt". Der ORF hätte sonst nicht zeigen können, wie die Behörde in so einer sensiblen Causa agiere. Dass im Kampf um die Quoten auch oft übers Ziel hinausgeschossen wird, sagt Nowak nicht.

Ob es die Journalisten wahrhaben wollen oder nicht: Auch sie sind Akteure und keine unsichtbaren Berichterstatter. Das gleißende Licht der Scheinwerfer, die Kamerablitze wirkten am Montag alles andere als deeskalierend. Sie heizten die Stimmung unter den anwesenden Nachbarn zusätzlich an, die Volksseele kochte, und sie erhöhten automatisch auch den Druck auf die für derartige Einsätze nicht geschulten Gerichtsvollzieher. Den selbst vom Anwalt des Vaters von Christian als eigentlich ruhig und besonnen beschriebenen Beamten entglitt schließlich die Situation. Die Konsequenzen müssten auch jene tragen, die den Einsatz von überforderten Gerichtsvollziehern zum Abtransport eines Kindes zu verantworten haben.

Jene Medien, die sich im Fall des Achtjährigen so gut wie keine Selbstbeschränkung mehr auferlegen, sind freilich nicht die Einzigen mit einem fast ungebremsten Hang, alles in die Öffentlichkeit zu zerren. Auch viele Experten kennen keine Zurückhaltung. Bedenkenlos geben diverse Psychologen und Anwälte Kommentare ab, ohne den Akt auch nur in Ansätzen zu kennen. Diese Ferndiagnosen mögen das Publikum unterhalten. Dem achtjährigen Christian helfen sie nicht. Im Gegenteil: Der Druck auf jene, die per Gesetz wirklich zu entscheiden haben, wächst, und das verleitet zu Fehlern.

Dass beispielsweise vonseiten der Justiz in Ansätzen Details aus dem Verfahren preisgegeben wurden, wird noch kritisch zu beleuchten sein. Im Fall Christian handelt es sich immerhin nicht um ein öffentliches Strafverfahren, sondern um Sorgerechtsstreitigkeiten. Die Rechtfertigung der Justizbehörden - mit Bezug auf Inhalte von Gutachten - ist aber auch als Reaktion auf die vielen Wortspenden diverser Experten zu verstehen.

Von allen Beteiligten ist mehr Zurückhaltung gefordert: Beim Ausschluss der Öffentlichkeit bei Scheidungsprozessen hatte der Gesetzgeber ja nicht irgendeinen abstrakten Schutz der Privatsphäre im Auge - denn je öffentlicher ein Rosenkrieg ausgetragen wird, desto schwerer ist es für die Beteiligten später, wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen. Es handelt sich meist um tiefe Gefühle, Liebe, Verletzungen, Hass.

Der schwerwiegendste Fehler vonseiten der Justiz ist und bleibt freilich der Einsatz, die Eskalation vom Montagabend selbst. In diesem Fall ging der Versuch, dem Rechtsstaat mit der Brechstange zum Durchbruch zu verhelfen, voll daneben.

Die Bilder vom Montag suggerieren, dass es um die Familiengerichtsbarkeit in Österreich gar schlecht bestellt ist. Herzlose Richter, oberflächliche Gutachter und brutale Exekutionsbeamte würden über das Schicksal von Scheidungskindern bei nicht einvernehmlichen Trennungen entscheiden. Davon kann keine Rede sein. Die Praxis der - unter Personalnot stöhnenden - Familienrichter zeigt, dass Entscheidungen in strittigen Fällen meist auf fundierten Gutachten fußen. Und in vielen - wenn auch nicht allen - Fällen wird die Entscheidung letztlich auch von den beiden Elternteilen mitgetragen. Zum Wohl des Kindes.

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