"Presse"-Kommentar: Die Aushändigung von Kindern ist zu unterlassen (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 29. Jänner 2004

Wien (OTS) - Spätestens Donnerstag abend werden wir es ganz genau wissen. Ulf W., der Vater des 8-jährigen Scheidungskindes Christian, dessen Festnahme ("Aushändigung an die Mutter" heißt es in der verräterischen Amtssprache) durch zwei Gerichtsvollzieher seit zwei Tagen die Republik in Atem hält, ist zu Gast bei "Vera". Damit endet erneut eine wichtige, berührende und exemplarische Geschichte aus dem täglichen Leben dort, wo der ORF und die "Kronen Zeitung" Volkes Seele vermuten: in der Sozialpornografie. An Darstellern besteht offenbar kein Mangel.
Dass am Tag nach der Veröffentlichung eifrig über die Rolle der Medien im "Fall Christian" diskutiert wird, ehrt die Akteure und freut sicher alle, die sich gerne selber für das Gewissen halten, das andere sich machen sollten. Man kommt allerdings in der einschlägigen Debatte immer zum selben Ergebnis: Ob ein Medienverantwortlicher die Menschen, an deren Schicksal zu Recht ein öffentliches Interesse besteht, auch noch in inszenierter Form zur Schau stellt oder nicht, muss er auf der Grundlage seiner ethischen Standards allein entscheiden. Dass eine solche Grundlage in den beiden Leitmedien des Landes mitunter mit freiem Auge kaum erkennbar ist, sollte niemanden mehr überraschen.
Nein, hier ist keine Mediendebatte gefragt. Hier ist eine intensive Diskussion darüber nötig, welches Verständnis von Kindern und für Kinder die österreichische Gesetzeslage und Rechtspraxis in Sachen Sorgerecht beherrscht: Erst ab dem 14. Lebensjahr wird einem Kind - das dann längst keines mehr ist - zugetraut, die Frage, bei welchem Elternteil es leben will, eigenständig zu entscheiden. Davor, von 10 bis 14, besteht eine eher vage Möglichkeit der Meinungsäußerung. Kinder unter 10 Jahren werden nicht einmal gefragt. Eigentlich kaum zu glauben: Mit dem Eintritt in die Grundschule trauen und muten wir unseren Kindern - zu Recht, denn sie lassen das magische Denken zu Gunsten der Rationalität hinter sich -eigenständiges Handeln und Entscheiden in unglaublich vielen Lebensbereichen zu. Sie setzen ihre eigenen Schwerpunkte im Wissenserwerb und in der Freizeitgestaltung, sie knüpfen ihre sozialen Netzwerke, definieren ihre Zugehörigkeit zu Gruppen. Ausgerechnet in der entscheidenden Frage aber, in der sie noch dazu über die meiste Expertise verfügen, werden sie von Amts wegen nicht einmal gefragt: Wo und mit wem sie leben wollen.
Es ist einigermaßen bezeichnend, dass jetzt, am Ende, im grellen Scheinwerferlicht, die "Instrumentalisierung" des Kindes im Scheidungsverfahren beklagt wird. Würde das Kind in sich abzeichnenden Trennungssituationen als eigenständiger Akteur mit zu respektierenden Interessen anerkannt, würden sie erst gar nicht mit Exekutionstiteln enden. Das eigentliche Problem ist also die Instrumentalisierung, die darin besteht, dass Kinder in unserer Gesellschaft überwiegend als Objekte, nicht als Subjekte gesehen werden, sei es im Zusammenhang mit "familienpolitischen Maßnahmen", sei es im Zuge von elterlichen Auseinandersetzungen.
Das Thema ist also nicht damit erledigt, dass anhand eines spektakulären Einzelfalles über Gut und Böse, zwischen Instrumentalisierungsopfer und Täter, über Recht und Ordnung entschieden wird. Hier zeigt sich an einem Beispiel, dass Kinder in dieser Gesellschaft je nach Interesse der Erwachsenen unter- oder überfordert werden. Wir behandeln sie wie junge Erwachsene, wenn wir uns nicht um sie kümmern können oder wollen, und wir behandeln sie wie Dinge, wenn wir über sie verfügen wollen.
Da kommt es dann zur "Kindesabnahme", wenn nötig mit Gewalt. Dieser Teil der Geschichte, der den Sozialpornografen am meisten Freude bereitet, lässt sich im Übrigen am einfachsten lösen: Die Weisung "Das Aushändigen von Kindern ist zu unterlassen" versteht ein Amtsdiener auf der Stelle.

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