"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von Bibelsprüchen und der Angst vor dem elften Gebot" (von Reinhold Dottolo)

Ausgabe vom 27.01.2004

Graz (OTS) - Mag Politik gelegentlich als Systematisierung der Ratlosigkeit verstanden werden - für die Kärntner Landtagswahlen darf selbst das nicht mehr gelten, weil der gewohnten Verwirrung auch noch die Ordnung abhanden zu kommen scheint. Wer wird nach dem 7. März wen zum Landeshauptmann wählen? Das ist die immer wiederkehrende Frage, die Kärnten beschäftigt. Die Unsicherheit darüber ist inzwischen schon größer geworden als es
die Krawattenknöpfe des Landeshauptmannes zu sein pflegen - und das will etwas heißen.

Dass SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer am Sonntag in der Pressestunde den Kurs seiner Genossen im südlichsten Bundesland modifizierte, fügt sich ins Bild. Setzte der Vorsitzende aus Wien
doch der bisherigen strikten Anti-Haider-Linie die überraschende Ansage gegenüber, der Erste im Lande solle Landeshauptmann werden -wer immer es sei.

Wirrungen ähnlicher Art durchleidet die Kärntner ÖVP schon seit Wochen. Seit sie sich dezidiert darauf festgelegt hat, Jörg Haider auf keinen Fall zum Landeshauptmann zu wählen, sieht sie
sich im Abwehrkampf: Gegen Einflüsterungen der Bundespartei sich das doch zu überlegen. Gegen die Mehrheit ihre Sympathisanten, die dies laut Umfragen zu zwei Dritteln nicht gut
heißen. Und gegen die Erwartungen breiter Wählerschichten, die der Kärntner Volkspartei viel zutrauen, nur nicht einen festen Standpunkt.

Ehe der Hahn dreimal krähe werde die Kärntner ÖVP ihre Wähler nach der Wahl verraten haben, höhnte Gusenbauer beim Wahlstart seiner Partei, Anleihen aus der Bibel nehmend.

Abgesehen davon, dass er sich postwendend die ebenso bibelnahe Replik der Schwarzen einhandelte, er solle kein falsches Zeugnis ablegen wider seinen Nächsten (?) - der Genuss und die Bestimmtheit, mit dem Gusenbauer in die Glaubwürdigkeits-Wunde der ÖVP stieß, erhellt die Absicht.

Nicht durch Peter Ambrozy glauben die Sozialisten offensichtlich siegen zu können. Nicht um ein Recht des Ersten auf den Landeshauptmann-Sessel geht es im Kern. Da hätte Gusenbauer
für die Zukunft ja konsequenterweise auch die Direktwahl des Landeshauptmannes einfordern müssen.

Nein, die Anti-Haider-Wähler aller Lager von Grün bis Schwarz und natürlich Rot sollen sich bei den Sozialdemokraten vereinen und so verhindern, dass der zitierte wer immer Jörg Haider
heißt. Ob die Rechnung aufgeht? Darüber entscheidet fern der Bibel auch das bekannte und eher weltliche elfte Gebot. Das da lautet: Du sollst Dich nicht täuschen. ****

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