Mit den Mullahs in die Bürgergesellschaft - DER STANDARD-Interview mit Iran-Experten Bert Fragner

von Gudrun Harrer - Ausgabe vom 24./25.1.2004

Wien (OTS) - Der iranische Präsident Khatami rief in Davos einmal mehr zum "Dialog der Kulturen" auf - nirgends wäre jedoch der Dialog dringender als im Iran selbst, meint der Iranist Bert Fragner im Gespräch mit Gudrun Harrer.

Standard: Bundespräsident Thomas Klestil fährt in eine Islamische Republik Iran, die heuer 25-jähriges Jubiläum feiert und in der sich gleichzeitig große Risse auftun. Wie ist Ihre Bilanz der 25 Jahre, wo steht der Iran heute?

Fragner: Meine These ist, dass die Revolution vor 25 Jahren der iranischen Gesellschaft eine Reihe von Modernisierungsschüben verpasst hat, vor allem hat sie eine bedeutende Entwicklung des gesellschaftlichen Bewusstseins eingeleitet. Das steht im Widerspruch dazu, wie die islamische Revolution allgemein dargestellt wird, als Schritt zurück ins Mittelalter - und einer der Vorwürfe gegen den Schah war ja wirklich gerade die überstürzte Modernisierung. Aber da wird eben vergessen, dass es sich dabei nur um die Modernisierung der politischen, intellektuellen, wirtschaftlichen Eliten handelte.

Die Revolution ist mit einem integrativen Konzept aufgetreten, mit vielen sozialrevolutionären Elementen: ein Erbe der säkularen Linken, das heute in bizarrer Form bei den Volksmudjahedin fortlebt. Die "Mostazafin" (die Unterdrückten), ein Ehrenname, wurden in der Revolution zur Gegenelite und zu Subjekten der Geschichte proklamiert.

Zum ersten Mal gingen unterschiedliche Teile der iranischen Gesellschaft aufeinander zu. Und gegen die politischen Intentionen der neuen Machthaber machte die Bevölkerung sehr bald einen wichtigen Schritt in Richtung Bürgergesellschaft. Die steigende Anteilnahme am politisch-gesellschaftlichen Geschehen führte zu einer immer größeren Kritik an den Herrschenden. Dazu kam die Verjüngung der Gesellschaft:
Heute sind Menschen unter dreißig Jahren gesellschaftlich dominant -eine weitere Verschärfung des Widerspruchs zum Seniorat der Mullahs.

Standard: Aber auch innerhalb des Establishments haben Leute die Seite gewechselt.

Fragner: Ihr Programm ist nicht die Reform des Islam, sondern dass der Islam auf konkrete Sachverhalte Bezug nimmt. Dadurch geraten die Vertreter des Islam wiederum in Zugzwang, und der Riss zwischen der sich entwickelnden Gesellschaft und dem Establishment wird größer. Die Reformer versuchen diesen Riss zu kitten.

Standard: Und gelingt das?

Fragner: Ich meine, der theologisch begründete Exklusivitätsanspruch Khomeinis ist gescheitert. Aber wenn die von Präsident Mohammed Khatami immer wieder vorgetragene Devise vom "Dialog der Kulturen" als Metapher für den inneriranischen Dialog angenommen wird, dann gibt es eine Chance. Ich sehe jedenfalls darin ein Bemühen, die inneren Probleme anzusprechen - obwohl die Verlagerung der Dialogsidee in die Welt natürlich auch heißen könnte: Intern brauchen wir das nicht. Aber mein Tipp bei Khatami ist, dass das bei ihm auch eine Metapher für den internen Dialog ist.

Standard: Aber die Gesellschaft driftet intellektuell und materiell auseinander und ist sich dessen bewusst . . .

Fragner: Und in diesem Zustand wird das alte Thema der "Iranität" wieder aufgewärmt, die Zeitungen sind voll von Artikeln zur Identitätsdebatte, wobei das Thema "wir" ist: unsere Sprache, Altertümer, kulturelles Erbe, Mystik etc.

Standard: Auch "unser Islam"?

Fragner: Das kann man heute nicht befragen, aber bei dieser von den Mullahs postulierten Gemeinsamkeit scheint die Zahl der Abweichler groß zu sein. In der Identitätsdebatte fällt eine Verklärung des Zoroastrismus als kulturelles Erbe auf, als Relativierung der Bedeutung des Islam.

ZUR PERSON

Bert Fragner, 62, ist seit 2003 Direktor des neuen Institutes für Iranistik an der Akademie der Wissenschaften in Wien. In Österreich geboren, hat er fast seine gesamte Wissenschaftskarriere in Deutschland zugebracht, zuletzt ab 1989 als Iranistikprofessor an der Universität Bamberg. Fragner war Präsident der Societas Iranologica Europaea und der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft.

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